Politikwissenschaftler Münkler sieht gravierende demokratische Defizite im Osten

Politikwissenschaftler Münkler sieht gravierende demokratische Defizite im Osten

Osnabrück (ots) – Münkler sieht gravierende demokratische Defizite im Osten

Wissenschaftler weist DDR Mitschuld für „fehlende Imprägnierung“ gegen völkische Ideen zu

Osnabrück. Die Vorgänge in Thüringen belegen für Herfried Münkler einen bedenklichen Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland in Fragen der politischen Kultur. „Im Osten fehlen 40 Jahre Bürgerlichkeit“, sagte der Wissenschaftler in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Der lange Prozess der Entstehung der mit sich selbst beschäftigten Bundesrepublik, das Abarbeiten der Erfahrungen aus der Schlussphase der Weimarer Republik und des Lernens aus dem Scheitern einer Demokratie geht den Menschen in den neuen Bundesländern ab“, sagte Münkler weiter. Den Menschen im Osten fehle daher eine „innere Imprägnierung gegen Fremdenfeindlichkeit und völkische und nationale Ideen“ – im Gegensatz zu den Menschen in Westdeutschland.

Nach Einschätzung Münklers rächt sich jetzt, dass „man im Prozess des Zusammenwachsens von Ost und West fast ausschließlich auf die wirtschaftlichen Faktoren gesetzt hat“. Der ökonomische Erfolg sei gegeben. „Dabei ist aber zu wenig bedacht worden, dass 40 Jahre Diktatur den Leuten ebenso in den Knochen stecken wie das Fehlen einer wirklichen Aufarbeitung der NS-Zeit. Die Aneignung dessen, was eine Demokratie ist, fehlt eben.“

Der Politikwissenschaftler forderte in diesem Zusammenhang, sich neu mit der deutschen Geschichte zu beschäftigen. Das Ende der Weimarer Republik zeige, wie gefährlich es sei, wenn die soziale Mitte zerfalle.

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Thüringen: Münkler wirft CDU „unfassbare Naivität“ vor

Politologe zieht Parallelen zu Weimar

Osnabrück. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat der CDU im Umgang mit der AfD eine „unfassbare Naivität“ bescheinigt. In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ hielt der Erfolgsautor es für naheliegend, angesichts der Vorgänge in Thüringen an den Aufstieg der Nationalsozialisten in den 1930er-Jahren zu denken. „Das Vorbild für den Versuch der AfD, in die Mitte einzudringen und Koalitionen mit Teilen der Mitte zu schließen, ist wohl die Endphase von Weimar“, sagte der Berliner Professor für politische Ideengeschichte. Er denke insbesondere an das Bündnis der NSDAP mit den konservativen Eliten 1934, führte Münkler weiter aus. „Zuvor lieferte der ,Tag von Potsdam‘ das Bild, das im Gedächtnis geblieben ist – mit Adolf Hitler und dem greisen Generalfeldmarschall von Hindenburg mit der Pickelhaube auf dem Kopf. Hitler neigte vor ihm den Kopf. Das erinnert, zumindest vom Bild her, an den Augenblick, in dem Björn Höcke Thomas Kemmerich zur Wahl zum Ministerpräsidenten gratulierte. Der gesenkte Kopf lieferte den Anschein einer Gefolgschaft, die sich sehr bald als trügerisch erweisen sollte“, kommentierte Münkler die Wahl Kemmerichs zum Ministerpräsidenten.

Die Vorgänge hätten gezeigt, dass es in der CDU Leute gebe, „die mit dem Gedanken sympathisieren, zusammen mit der AfD Mehrheiten zu bilden oder mindestens zu kooperieren“. Die Neigung zur Annäherung an die AfD wertete er als Anzeichen für den Verfall bürgerlicher Werte. „,So etwas macht man nicht‘: Das ist ein zutiefst bürgerlicher Satz. Aber dieser Satz hat seine bedingungslose Gültigkeit verloren. Stattdessen wird taktiert und probiert“, sagte Münkler. Sich von Leuten wie Höcke unterstützen zu lassen, bedeute, sich in ein „Obligo des Zurückzahlens“ zu begeben. Mancher thüringische Politiker glaube offenbar, etwas nehmen zu können, ohne auch geben zu müssen. „Schon das zeigt eine Entfernung vom Denken in bürgerlichen Werten“, sagte der Bestseller-Autor („Der Große Krieg“, „Die neuen Deutschen“, „Die Deutschen und ihre Mythen“).

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Münkler: CDU braucht einen Charismatiker an der Spitze

Sebastian Kurz als Vorbild empfohlen

Osnabrück. Wer soll die CDU führen? Der prominente Politologe Herfried Münkler rät der Partei, eine charismatische Führungspersönlichkeit zu suchen. „Wir befinden uns in einer Phase, in der politisch programmatische Parteien nicht mehr agieren können, jedenfalls nicht als Volksparteien. Wer als Volkspartei agieren will, braucht einen Charismatiker an der Spitze“, sagte der Erfolgsautor in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Eine solche Person sei Angela Merkel nie gewesen. „Helmut Kohl war das in dem Augenblick, in dem er der ,Kanzler der Einheit‘ wurde“, fügte Münkler hinzu. Aktuell aber „haben wir ein dramatisches Defizit“. Münkler verwies auf Beispiele erfolgreicher Politiker im Ausland. „Es ist nicht uninteressant zu sehen, wie der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz und der französische Präsident Emmanuel Macron da ganz anders auftreten.“ Nur mit einer solchen Persönlichkeit könne es gelingen, die unterschiedlichen politischen Flügel der CDU zusammenzuhalten, sagte der Professor für politische Ideengeschichte der Berliner Humboldt-Universität.

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