Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 4. März 2020. Von ANITA HEUBACHER. „Ein Angestellter, drei Chefs“.

Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 4. März 2020. Von ANITA HEUBACHER. „Ein Angestellter, drei Chefs“.

Innsbruck (OTS) – Die Fusion der Gebietskrankenkassen bringt vor allem Konfusion für die Mitarbeiter und eine Entmachtung der Länder. Das prognostizierte Minus der Gesundheitskasse wurde noch vor dem Ausbruch des Coronavirus errechnet.

Am Ende kam der Zentralismus nicht von den verhassten Roten, sondern aus den eigenen Reihen. ÖVP und FPÖ fusionierten die neun Gebietskrankenkassen zur Österreichischen Gesundheitskasse. Seit 1. Jänner weht nun der Zentralisierungswind den ehemaligen Chefs der Gebietskrankenkassen in den Bundesländern ins Gesicht. Das ist beabsichtigt, wenn es um rote Krankenkassen geht. Tirol und Vorarlberg, wo die Kassen schwarz sind, gelten als Kollateralschäden, die Türkis in Wien in Kauf nimmt und die ÖVP im Westen in Kauf zu nehmen hat.
Dabei hatte die ehemalige türkis-blaue Bundesregierung bei ihren Reformplänen sehr viele Mitstreiter. Aus 21 Versicherungsträgern weniger zu machen, leuchtete jedem ein. Nur das Ergebnis der Reform ist nicht eine Vereinfachung. Die Finanzströme, die im Gesundheitswesen undurchschaubar sind, bleiben es. Weiterhin finanzieren grob die Sozialversicherung den niedergelassenen Bereich und die Länder die Spitäler, weiterhin werden dadurch Patienten aus den Spitälern raus zum Hausarzt und wieder retour geschoben. Der Drehtürpatient, der nicht optimal versorgt ist, der Kosten verursacht. Egal. Hauptsache, die Kosten entstehen beim jeweils anderen.
Die Reform hat auch keine Gleichstellung der Patienten vor dem Arzt gebracht. Der verdient wesentlich mehr, wenn er Lehrer oder Beamte behandelt, als bei einem Arbeiter oder einem Angestellten. Und schon gar nicht hat die Reform die sagenumwobene Patientenmilliarde lukriert, sondern ein Loch in der Kasse. Minus 175 Millionen im Jahr 2021, 2022 sind es bereits 295 Millionen Euro, im Jahr darauf 508 Millionen. Jetzt kann man sich damit trösten, dass die 175 Millionen „nur“ 1,2 Prozent des Umsatzes und eine Schätzung sind. Man hat aber auf jeden Fall die Rechnung vor dem Ausbruch des Coronavirus in Österreich gemacht.
Wie sich die Fusion der neun Krankenkassen lebt, lässt sich am Organigramm der neuen Gesundheitskasse ablesen. Vier Generaldirektoren, elf Fachbereichsleiter erinnern an eine Konzernstruktur, die vielleicht dort funktionieren kann, aber bei den auf Selbstverwaltung und Bundesländerstolz getrimmten Gebietskrankenkassen? Die Mitarbeiter haben, je nach Fachbereich, zwei bis drei Chefs, die nicht im Haus, sondern in den anderen Bundesländern sitzen. Da wird viel Energie in die Absprache und weniger in die Leistung für Patienten fließen. Keine Schätzung, aber eine Milchmädchenrechnung.

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