TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Fünf Minuten nach zwölf“, von Irene Rapp

TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Fünf Minuten nach zwölf“, von Irene Rapp

Ausgabe vom Mittwoch, 5. Mai 2021

Innsbruck (OTS) – Der Aufschrei ist wieder groß, denn in diesem Jahr wurden bereits neun Frauen in Österreich von ihren Partnern bzw. Ex-Partnern getötet. Rasches Handeln ist jetzt nötig und möglich – das hat nicht zuletzt die Pandemie gezeigt.

Es ist fünf Minuten vor zwölf. Dieses Bild wird gerne verwendet, um auf die Dringlichkeit bestimmter Themen aufmerksam zu machen. Geht es um die Gewalt gegenüber Frauen – nicht in irgendeinem afrikanischen Land, auch nicht in einem südamerikanischen, sondern in Österreich –, dann ist es aber bereits fünf Minuten nach zwölf.
Zur Erinnerung: 2020 wurden in Österreich 31 Frauen ermordet, 2019 sogar 39. Jedes Mal war der Aufschrei groß, verhallte aber auch rasch wieder. Reaktionen gab es nur zögerlich und einseitig. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass z. B. in Tirol seit Jahren mehr Frauenhaus-Plätze gefordert werden, es aber immer an der Umsetzung scheitert? Oder dass die Männerberatungsstelle Mannsbilder hilfesuchende Männer abweisen musste, da es an Ressourcen fehlte, mit diesen zu arbeiten?
Jüngstes Beispiel ist der diese Woche stattgefundene Sicherheitsgipfel in Sachen Frauengewalt im Innenministerium:
Opferschutzeinrichtungen waren nicht eingeladen – ein weiteres Zeichen dafür, dass das Thema immer noch nicht in seiner ganzen Tragweite ernst genommen wird.
Geht es um nachhaltigen Gewaltschutz, braucht es nämlich eine intensive Zusammenarbeit aller Beteiligten – von Einrichtungen für Opfer und Täter über die Exekutive bis hin zur Justiz. Es braucht mehr Geld, um verschiedenste Hilfsangebote ausweiten zu können. Und es braucht vor allem eines: mehr Sensibilität. Die hört übrigens nicht bei Frauen auf, die Opfer von männlicher Gewalt werden, sondern beginnt viel früher.
Nicht zuletzt Corona hat gezeigt, dass in einer Zeit mit viel Verunsicherung Männer gerne in eine alte Männlichkeit flüchten. In tradierte patriarchale Strukturen, die ohne Ausübung physischer Gewalt in der Abwertung von Frauen münden. Es müsse an einem anderen Männlichkeitsbild gearbeitet werden, fordern daher Experten nicht erst nach dem letzten, neunten Frauenmord in diesem Jahr in Österreich. Und dass damit bereits bei Kindern und Jugendlichen begonnen werden müsse.
Kanzler Kurz erklärte gestern, dass der Schutz von Frauen und Kindern vor Gewalt nicht am Geld scheitern werde. Gut so. Wenn ein Staat Milliarden für die Bekämpfung eines Virus aufbringen, aber nicht gleichzeitig vor männlicher, viel zu oft tödlicher Aggression schützen kann, ist das ein Armutszeugnis. Die Pandemie hat zudem gezeigt, dass im Ernstfall sehr schnell reagiert werden kann. Das ist jetzt auch in Sachen Gewaltschutz notwendig. Alles andere wäre unverzeihbar.

Tiroler Tageszeitung
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