TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „30 Stunden für die Mütter“, von Brigitte Warenski, Ausgabe vom Sonntag, 9. Mai 2021

TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „30 Stunden für die Mütter“, von Brigitte Warenski, Ausgabe vom Sonntag, 9. Mai 2021

Der „Beide Vollzeit“-Sprint zwischen Job und Familie ist auf der Marathonstrecke nicht durchzuhalten.

Innsbruck (OTS) – Um Mütter aus der finanziellen Abhängigkeit zu holen, braucht es eine Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt.

Auch wenn ein Küsschen der Pubertierenden und ein Kuchen des erwachsenen Sohnes den Muttertag versüßen – es braucht gesellschaftspolitisch entscheidende Schritte, um Mütter, die in Österreich zu 75 Prozent in Teilzeit arbeiten, aus der finanziellen Abhängigkeit und der drohenden Altersarmut herauszuholen. Der Weg dorthin führt nicht über das Modell „beide Vollzeit“, denn der Sprint zwischen Job und Familie ist auf der Marathonstrecke nicht durchzuhalten. Klar, Frau und Mann können Familienarbeit auslagern, an Großeltern, an Hortbetreuer. Frau und Mann können abends kochen, spätabends putzen, den Problemen der Kinder – die mit dem Alter nicht kleiner werden – ein offenes Ohr schenken, danach die Steuererklärung ausfüllen und am Samstag den Einkauf erledigen.
Der Schritt in die Zukunft – der Familien guttut und Mütter gesellschaftlich und finanziell auf Augenhöhe bringt – heißt aber Geschlechtergerechtigkeit in der Arbeitswelt durch Arbeitszeitverkürzung. Nur bei einem Modell von 30-Wochenstunden für beide Elternteile kann bezahlte und unbezahlte Arbeit in der Familie gleich aufgeteilt werden. Das Modell vermeidet Diskriminierung von jungen Frauen beim Jobeinstieg, ermöglicht Männern, einer modernen Vaterrolle überhaupt gerecht zu werden, kommt den Kindern zugute, verringert die Burn-out-Rate und senkt vielleicht letztendlich auch die Scheidungszahlen. Dass auch für Unternehmen das 30:30-Modell vertretbar ist, zeigt uns u. a. Schweden. Dort ist die Arbeitszeitverkürzung vielerorts gang und gäbe – sogar bei vollem Lohnausgleich. Das Fazit nebst wertvoller Familienzeit: Produktivität und Qualität der Arbeit stiegen, der Krankenstand sank.

Tiroler Tageszeitung
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