TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Noch zu viele Bälle im Spiel“, von Peter Nindler

TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Noch zu viele Bälle im Spiel“, von Peter Nindler

Ausgabe vom Freitag, 28. Jänner 2022

Innsbruck (OTS) – Mit dem Wechsel an der Klubspitze setzt die Liste Fritz ein Zeichen im politischen Überlebenskampf und für den Land-tagswahlkampf. Ansonsten zögert die Opposition noch, manche wie FP-Chef Abwerzger könnten die Reißleine ziehen.

Alles ist im Fluss. Das gilt im Besonderen für die Tiroler Politik. Ein Jahr vor der Landtagswahl sind noch zu viele Bälle im Spiel, aber noch keiner im Tor. Taktische Spielchen prägen den Vor-Wahlkampf, sowohl was die Regierungsparteien ÖVP und Grüne betrifft als auch die Opposition.
Die Rochade in der Klubführung der Liste Fritz lässt zumindest beim designierten Klubobmann Markus Sint einen offensiven Zug zum Tor erkennen. Kantig, nervig und akribisch-fleißig will er bis zur Landtagswahl die Liste Fritz noch stärker als Kontrollinstanz im Bewusstsein der Tiroler verankern, die den Mächtigen auf die Finger schaut. Zugleich ist es wohl so etwas wie eine politische Kampfansage, um endlich die ständige Zitterpartie, ob es sich wieder für den Landtag ausgeht oder nicht, zu überwinden. Vor allem in Zeiten der Impfgegnerpartei MFG, die mit wenig Inhalt und viel Aktionismus den Corona-Protest gegen die Regierenden bündeln möchte. Schon bei den Gemeinderatswahlen am 27. Februar. Dass dies bei der Landtagswahl Anfang 2023 auch auf Kosten der Liste Fritz gehen könnte, würden sich Sint und Parteichefin Andrea Haselwanter-Schneider nicht verdienen.
Zu sehr haben sich beide als Stachel im Regierungsfleisch profiliert, natürlich nicht zur Freude von Schwarz-Grün. Aber das ist ja nicht ihre Aufgabe. Dass sich Haselwanter-Schneider als engagierte Sozialpolitikerin über die Parteigrenzen hinweg einen Namen gemacht hat, steht ebenfalls außer Zweifel.
Eine Koalition mit der ÖVP schließt die Liste Fritz mehr oder weniger aus, SPÖ, FPÖ und NEOS befinden sich hingegen noch in der Findungsphase. Sozialdemokraten und Pinke liebäugeln intensiv mit einer Regierungsbeteiligung, die Blauen wollen dies nur mit einer Volkspartei ohne Platter politisch ins Auge fassen. Für SPÖ-Chef Georg Dornauer wird es deshalb ein schwieriger Wahlkampf mit angezogener Handbremse gegenüber der ÖVP. NEOS-Landessprecher Dominik Oberhofer will zumindest mit frischem bürgerlichen Wind punkten:
Angriff ja, aber mit NEOS-Hilfe könnte die ÖVP ebenfalls erneuert werden.
FPÖ-Obmann Markus Abwerzger steht wiederum in den eigenen Reihen massiv unter Druck. Getrieben von einer rücksichtslosen „ungeimpften“ jungen Garde muss er sich zwangsläufig in die Scharfmacherrolle à la Herbert Kickl begeben, um innerparteilich zu überleben. Möglicherweise zieht er die Reißleine. Soll er sich nämlich als anerkannter Anwalt endgültig seinen Ruf ruinieren?
Der Anpfiff zum Landtagswahlkampf ist deshalb schon längst erfolgt. Wer in welche Richtung spielt und mit welchem Ball, lässt sich derzeit aber vielfach noch schwer abschätzen.

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