Bundesratspräsidentin Schwarz-Fuchs lud zu Fachgespräch über Zukunft von Wirtschaft und Arbeit ins Parlament ein

Bundesratspräsidentin Schwarz-Fuchs lud zu Fachgespräch über Zukunft von Wirtschaft und Arbeit ins Parlament ein

Expert:innen diskutierten über Lösungen für den Fachkräftemangel und Mittel gegen die Abwanderung aus dem ländlichen Raum

Wien (PK) – Die Chancen und Herausforderungen, die mit dem Strukturwandel des Arbeitslebens einhergehen, standen gestern Abend im Zentrum eines Fachgesprächs im Parlament in der Hofburg. Bundesratspräsidentin Christine Schwarz-Fuchs lud Expert:innen ein, sich über Möglichkeiten auszutauschen, die Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Arbeit insbesondere im ländlichen Raum zu optimieren, und somit Fachkräftemangel und Abwanderung entgegenzuwirken. Es brauche insbesondere eine flächendeckende und qualitätsvolle Kinderbildung und -betreuung, um Familien- und Berufsleben in Einklang bringen zu können, unterstrich die Bundesratspräsidentin.

Der persönliche und gesellschaftliche Erfolg hänge entscheidend davon ab, wie früh und intensiv in die Bildung der Kinder investiert werde, war der Verhaltensökonom Gerhard Fehr überzeugt, der mit seinem Einleitungsvortrag die Diskussion eröffnete. Es folgten zwei Expert:innenpanels, die sich schwerpunktmäßig den Themen Wirtschaft sowie Arbeit widmeten. Im ersten Teil sprachen Claudia Mischensky, Vize-Generalsekretärin der Industriellenvereinigung, über aktuelle Herausforderungen für die heimische Industrie und Ursula Krepp, Unternehmerin und AMS-Verwaltungsrätin, über Möglichkeiten zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Danach befasste sich Korinna Schumann, SPÖ-Bundesrätin und Vizepräsidentin des ÖGB, mit der modernen Arbeitswelt, die sich vor allem durch die Ausweitung von Homeoffice und Digitalisierung auszeichne. Reinhard Baumgartner von der nöGIG Service GmbH sprach den Glasfaserausbau unter dem Gesichtspunkt der Chancengleichheit an, während FPÖ-Bundesrätin Andrea-Michaela Schartel über Impulse für Wirtschaft und Arbeit in den Regionen referierte. Durch den Abend führte die ORF-Journalistin Julia Ortner.

Bundesratspräsidentin Schwarz-Fuchs: Flächendeckende und qualitätsvolle Kinderbetreuung ist der Standortfaktor schlechthin

Bundesratspräsidentin Christine Schwarz-Fuchs ging in ihren Einleitungsworten vor allem auf die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt ein, wo es einen neuen Rekord an offenen Stellen gebe. Laut einer aktuellen Studie haben bereits 83% der österreichischen Mittelstandsunternehmen Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden und 40% klagen über erhebliche Umsatzeinbußen, die auf fehlendes Personal zurückzuführen sind. Da die Verfügbarkeit von Fachkräften in einer stark exportorientierten Wirtschaft eine wichtige Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand darstelle, zeitige ein Mangel daran negative Folgen für den gesamten Standort Österreich, zeigte Schwarz-Fuchs auf.

Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, gelte es unter anderem, auf verstärkte Aus- und Weiterbildung sowie auf die Möglichkeiten, die die Digitalisierung biete, zu setzen. Außerdem habe die Corona-Pandemie zu einem Umdenken geführt, denn immer mehr -besonders jüngere – Beschäftigte würden den Wunsch äußern, ihr Familien- und Berufsleben besser in Einklang bringen zu wollen. Da kein Unternehmen auf gute Beschäftigte verzichten und sich keine Region Abwanderung leisten könne, brauche es eine flächendeckende und qualitätsvolle Kinderbetreuung, am besten bereits ab dem ersten Geburtstag. Dies sei nach Auffassung der Bundesratspräsidentin der „Standortfaktor schlechthin“, da jeder in die Elementarbildung investierte Euro laut Studien später achtfach zurückkomme.

Fehr: Frühes Investment in die Bildung der Kinder hat stärksten positiven Effekt auf gesamtgesellschaftlichen Wohlstand

Der Erfolg von Österreich und seinen Regionen hänge elementar davon ab, wie gut es gelinge, Humankapital auszubilden, stellte der Verhaltensökonom Gerhard Fehr in seinem Vortrag fest. Es gebe keinen effizienteren und effektiveren Weg, dies zu fördern, als über frühkindliche Interventionen, gab er den politisch Verantwortlichen mit auf den Weg, deshalb sei Elementarpädagogik der Schlüssel sowohl für den gesellschaftlichen als auch für den individuellen Fortschritt. Zahlreiche evidenzbasierte Interventionen würden eindeutig belegen, welche positiven Effekte von elementarpädagogischen Programmen ausgehen. Ein wichtiger Faktor komme dabei der Geduld zu, also der Fähigkeit zur Impulskontrolle, die früh in der Kindheit geprägt werde und den weiteren Lebens- und Bildungsweg von Kindern maßgeblich vorhersage.

Wesentlich sei dabei das soziale Umfeld, das auch in Pandemiezeiten von entscheidender Bedeutung gewesen sei. Dabei hätte man nämlich beobachten können, dass Kinder, die in einem sozial benachteiligten Umfeld aufwachsen, von den Effekten stärker betroffen gewesen seien. Es müsse davon ausgegangen werden, dass Kinder in sozial schwächer gestellten Milieus ein gesteigertes Risiko haben, systematische Bildungsnachteile zu erfahren. Der soziale Gap werde sich vergrößern, befürchtete Fehr, wobei sich die Auswirkungen in den nächsten Jahrzehnten noch deutlich zeigen würden. Es sei daher Aufgabe der Politik, entsprechende Maßnahmen zu setzen, um hohe Wohlstandsverluste zu verhindern. Aus seiner Sicht brauche es auch ein komplett neues Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Politik, damit schnellere Lösungen ermöglicht werden.

Mischensky schlägt Maßnahmenpaket zur Absicherung des Industriestandortes Österreich vor

Zahlreiche Wünsche an die Politik äußerte auch die Vize-Generalsekretärin der Industriellenvereinigung Claudia Mischensky, die einen veritablen Fachkräftemangel ortete. Ihre Lösungsvorschläge reichten von einer Forcierung von frühen und altersadäquaten Berufsorientierungsangeboten, einer Modernisierung der Berufsschulen bis zu einer Imagekampagne für die Lehre, deren Qualität und Chancen besser vermittelt werden müssten. Wichtig war ihr auch die rechtzeitige Heranführung von jungen Frauen an technische Berufe, das lebensbegleitende Lernen sowie die Förderung von innovativen Konzepten etwa in Form von Ausbildungspartnerschaften. Ebenso wie ihre Vorredner hob sie die Bedeutung von Vereinbarkeit von Beruf und Familie hervor. Mischenky unterstrich, dass Österreich ein Industrieland sei, zumal im internationalen Vergleich ein sehr hoher Anteil der Wertschöpfung auf die Industrie zurückzuführen sei und es in diesem Sektor auch sehr viele Arbeitsplätze gebe. Nur wenn es gelinge, das Industrieland Österreich weiter zu stärken, werde es weiterhin Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand geben.

Krepp tritt für flächendeckenden Ausbau des Kinderbetreuungsangebots und Abbau der bürokratischen Hemmnisse ein

Die Unternehmerin und AMS-Verwaltungsrätin Ursula Krepp plädierte aufgrund ihrer Erfahrungen in der Praxis für einen völlig neuen Zugang zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es brauche aus ihrer Sicht vor allem ein bundeseinheitliches, flexibles und durchgängiges Kinderbetreuungsangebot von 6.00 Uhr bis 19.00 Uhr und eine Lösung für die langen Sommerferien. Dafür müssten Länder und Gemeinden ausreichend Geld in die Hand nehmen. Wenn sie in diesem Bereich sparen, würden später Kosten für die Mindestsicherung, Arbeitslosengeld oder für die Ausgleichszulagen aufgrund der niedrigeren Pensionen von Frauen anfallen, gab sie zu bedenken. Dieser „gigantische finanzielle Verschiebebahnhof“ mache keinen Sinn.

Notwendig wäre weiters auch ein Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, wobei es vor allem in den ländlichen Regionen und in den Randzeiten Handlungsbedarf gebe. Auch auf gesetzlicher Ebene gebe es eine Reihe von Hemmnissen, wie etwa den Mehrarbeitszuschlag oder die Möglichkeit zur geringfügigen Beschäftigung, die nach Meinung von Krepp eine Inaktivitätsfalle darstellen würde. Was die Ausgestaltung des Arbeitslosengeldes anbelangt, schlug sie die Einführung eines degressiven Modells vor. Es müsse jedenfalls gewährleistet sein, dass sich das Arbeiten lohnt.

Schuhmann über Pros und Kontras des Homeoffice

Bundesrätin Korinna Schuhmann rekurrierte auf den Vortrag von Gerhard Fehr und bezeichnete Geduld als eine wunderbare Eigenschaft. Man müsse jedoch aufpassen, dass diese nicht zu einem Dulden oder Erdulden von Missständen werde, das den Fortschritt behindere. Jede zweite Frau arbeite in Österreich in Teilzeit – ein Anteil, der sich durch die Pandemie noch erhöht habe. Dies geschehe laut Schuhmann großteils nicht freiwillig, sondern resultiere aus einer mangelhaften Vereinbarkeit von Beruf und Familie, was sich unter anderem durch einen Rechtsanspruch auf Kinderbildungseinrichtungen ab dem ersten Lebensjahr verbessern müsse.

Die Tendenz zum Homeoffice, die sich laut Schuhmann einerseits als „Notprogramm“ aus der Pandemiedynamik und andererseits als Bestandteil einer neuen Arbeitswelt ergab, brauche klare Regeln, die sowohl Arbeitgeber:innen als auch Arbeitnehmer:innen Sicherheit geben. Bei allen Vorteilen des Homeoffice, die von einer höheren Flexibilität über das Einsparen von Pendler:innenwegen bis zu den neuen Chancen für den ländlichen Raum, zeigten sich jedoch auch einige Fallstricke. So käme es zu einer schädlichen Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit, die vorausgesetzte ständige Erreichbarkeit verunmögliche wirkliche Ruhepausen und die soziale Isolation könne zu einer Einschränkung der Karrierechancen führen. Homeoffice sei Teil des großen Wandlungsprozesses der Digitalisierung, der auch ein Angriff auf bisherigen Lebensmodelle bedeute und in dem die Politik die Menschen begleiten müsse.

Baumgartner erörtert die Chancen der Digitalisierung für die Gemeinden

Die Chancen des digitalen Wandels speziell für den ländlichen Raum standen im Zentrum der Ausführungen von Reinhard Baumgartner von der nöGIG Service GmbH. 40% der Gemeinden seien von Abwanderung vor allem junger Menschen betroffen. Diese würden zunehmend in die großen Städte ziehen, was auch die Demografien der Gemeinden verändere und dort eine Spirale des Verfalls in Gang setze. Der ländliche Raum würde zwar bei den „weichen Standortfaktoren“, wie einer attraktive Landschaft oder einem intakten Vereinsleben punkten, bei der „harten“ Infrastruktur jedoch hinterherhinken. Es werde nicht möglich sein, jede kleine Gemeinde mit einer guten Autobahnanbindung auszustatten, so Baumgartner, ein bestmöglicher Zugang zur „Datenautobahn“ könne jedoch neue Chancen für die ländlichen Regionen erschließen.

Baumgartners Unternehmen, das Gemeinden mit Breitbandinternet für das Land Niederösterreich ausstattet, habe bereits ein Drittel des Waldviertels abgedeckt. In den betroffenen Ortschaften zeige plötzlich wieder eine Tendenz zur Zuwanderung. Ein hochwertiger Internetzugang gepaart mit geringen Mietpreisen sorge auch für den Erhalt und die Neuansiedlung von Unternehmen in den Gemeinden, was einen gangbaren Weg für den ländlichen Raum demonstriere. Um diesen Weg weiter zu beschreiten, benötige es ein politisches Bekenntnis zu den ländlichen Regionen, die erforderlichen Investitionen und einen adäquaten Rechtsrahmen.

Schartel: Der ländliche Raum braucht keine Bekenntnisse, sondern Taten

Bundesrätin Andrea-Michaela Schartel betonte die Relevanz günstiger Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Arbeit in den Regionen, die von der Politik geschaffen werden müssten. Immer noch würden die Kinderbetreuungseinrichtungen in vielen Gemeinden zu Mittag schließen, was kein ausreichendes Angebot für berufstätige Eltern darstelle. Ein zufriedenstellender Zugang zur Elementarbildung sei ein essenzieller Aspekt von vielen, die über Zu- oder Abwanderung entschieden. Ein guter Internetzugang bedeute heute eine Grundvoraussetzung, vor allem, um als Betrieb zu erwägen, sich in einer Gemeinde anzusiedeln.

Der ländliche Bereich sei zu lange vernachlässigt worden, wie Schartel erklärte. Man könne von kommunalpolitischer Seite durchaus andenken, vermehrt Verwaltungseinrichtungen in diese Gebiete zu transferieren. So könnten beispielsweise Bezirksgerichte zu Anziehungspunkten für Jurist:innen werden und somit zur Wiederbelebung einer Gemeinde beitragen. Denn politische Bekenntnisse zum ländlichen Raum seien zur Genüge erfolgt, so Schartel, woran es nun fehle, seien die Taten. (Schluss) sue/wit

HINWEIS: Fotos von diesem Fachgespräch finden Sie auf der Website des Parlaments.

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