TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Der Staat im Pflege-Dilemma“, von Liane Pircher, Ausgabe vom Sonntag, 9. Februar 2020

„Es gibt positive Signale in Richtung Pflegereform, aber es muss endlich auch geliefert werden.“

Innsbruck (OTS) – Zuerst Minister-Tour, dann Reform: Was das neue Pflege-Paket im Herbst bringen wird, ist noch offen. Baustellen gibt es viele.

Es tut gut zu hören, dass die neue Regierung einen Schwerpunkt auf die Pflege legt und Sozialminister Rudolf Anschober nun eine so genannte „Dialog-Tour“ durch die Bundesländer macht, um zu erfahren, was Betroffene begehren. Er wolle sich ein Bild machen: Dieses kann man ihm schon vorab kurz und knapp erklären. Fakt ist, dass seit vielen Jahren von einem Pflegenotstand die Rede ist und schon viele Konzepte hin- und hergeschoben wurden. Es wurde viel versprochen, zu wenig getan. Ähnlich wie beim Klimawandel wissen alle, dass ohne große Reform ein Kollaps droht. Wirklich zu beeindrucken scheint es die politischen Verantwortungsträger nicht. Momentan schauen alle auf das Burgenland-Modell, das pflegende Angehörige über eine gemeinnützige Landestochter anstellt. Sie bekommen Gehalt, Urlaub und sind versichert. Tirol und Salzburg winken ab, andere Bundesländer überlegen, ob nachahmenswert. Diese leidigen Finanz-Debatten unter Bund und Ländern nerven. Keiner weiß wieder so recht, was zu tun ist. Ein Teil des Pflegepersonals und die Gewerkschaft erhoffen sich indes mit der Forderung nach einer 35-Stunden-Woche mehr Attraktivität für den Beruf. Das alleine würde an der gesamten Schieflage wenig verändern. Dafür krankt es an zu vielen Stellen. Zu vieles in der Pflege basiert noch auf veralteten Systemen, etwa geteilte Dienste in der Peripherie. Eine Schicht in der mobilen Pflege von sieben bis 13 Uhr, dann Pause und noch eine Schicht von 17 bis 19.30 Uhr. Das sind vier Arbeitswege an einem Tag. Fakt ist, dass für eine echte Pflegereform viel Geld in die Hand genommen werden muss. Eine PR-Tour des Sozialministers alleine wird es nicht richten. Was zählt, ist, wie das Pflegereform-Paket befüllt wird. Druck genug zum Handeln gibt es: Demnächst müssen 41.000 Pflegekräfte wegen Pensionierung ersetzt werden, 34.000 braucht es noch zusätzlich.

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