Der Konsul, der sich nicht an Vorschriften hielt

Der Konsul, der sich nicht an Vorschriften hielt

2. Weltkrieg: Der japanische Diplomat Chiune Sugihara rettete Tausenden das Leben. Er wurde im Hayek-Institut im Beisein des japanischen und niederländischen Botschafters gewürdigt.

Wien (OTS) – Er war einer, der sich nicht an die Vorschriften seiner Regierung gehalten hat. Seine mutigen Aktionen vor 80 Jahren haben Tausende von verzweifelten Juden in einer der schrecklichsten Perioden der Menschheitsgeschichte vor der Vernichtung gerettet. Sein Einsatz hat ihm erst Jahrzehnte später Anerkennung und Ehrungen gebracht. Er selbst sagte über sein Handeln bescheiden: „Ich habe nur getan, was jeder Mensch unter diesen Umständen getan hätte.“

Anlässlich des 75. Jahrestages zum Ende des 2. Weltkriegs wurde nun dem ehemaligen japanischen Diplomaten Chiune Sugihara (1900 – 1986) im Rahmen eines Vortrages von DI Dr. Robert Kratz im Wiener Hayek-Institut auf besondere Art gedacht. In Anwesenheit des Japanischen Botschafters in Österreich, Exzellenz MIZUTANI Akira, dem Botschafter der Niederlande, Aldrik Gierveld, dem Vizedirektor des Japanischen Informations- und Kulturzentrums in Wien, NISHIDA Wataru, sowie Dr. Diethard Leopold, Präsident der Österreichisch-Japanischen Gesellschaft, gab Robert Kratz vom Verein AGUDAS Israel einen ausführlichen Einblick zur Person und dem lebensrettenden Wirken von Chiune Sugihara.

„Sein Mut ist Vorbild für uns und es ist von großer Wichtigkeit, die historische Erinnerung wachzuhalten“, sagte Botschafter Mizutani einleitend. Für Diethard Leopold beweist Sugiharas Einsatz, dass „Zivilcourage zu zeigen zu viel Widerstand, aber später zu Wertschätzung führen kann.“ Der Blick in die Vergangenheit ist für Gastgeberin Barbara Kolm, Präsidentin des Hayek-Institutes, „wichtig für eine Brücke in die Gegenwart und heutigem Handeln von Menschen gerade in verantwortungsvollen Positionen.“

Der mutige Konsul

Schicksal, Entscheidungen und Konsequenzen – so betitelte Robert Kratz seine Erzählung über den ehemaligen Diplomaten des japanischen Kaiserreiches Chiune Sugihara. Geboren als zweiter Sohn in eine japanischen Mittelstandsfamilie, habe Chiune schon früh bewiesen, dass er kein „Mainstream-Japaner“ war: Er studierte gegen den Willen des Vaters englische Literatur, verlor so dessen Unterstützung und bewarb sich deshalb im japanischen Außenministerium, von dem er in die Mandschurei geschickt wurde. Dort brachte er es bis zum Vize-Außenminister und heiratete erstmals. 1935 kehrte Sugihara nach Japan zurück, heiratete erneut und seine „klassische Diplomatenlaufbahn“ führte ihn zunächst ins finnische Helsinki, dann 1939 als Vizekonsul nach Kaunas in Litauen.

Land und Stadt waren „bummvoll mit jüdischen Flüchtlingen vor allem aus Polen, insgesamt mit den schon hier lebenden gut 250.000 Menschen“. Ohne Geld war es für sie schier unmöglich, ein Visum zur Reise in ein sicheres Land zu bekommen. Es war zuerst der kommissarische Konsul der Niederlande in Litauen, Jan Zwartendijk, der mit einem Trick hilfreich auf den Plan trat: Dieser trug in tausende Pässe jüdischer Flüchtlinge ein, dass für die Reise in die niederländische Übersee-Kolonie Curaçao kein Visum nötig sei – was in Wahrheit nicht ganz korrekt war. In weiterer Folge wandten sich die Flüchtlinge an den japanischen Vizekonsul mit der Bitte, er möge ihnen ein Transitvisum für Japan mit Enddestination Curaçao ausstellen. Sugihara fragte drei Mal sein Außenministerium, ob dies möglich wäre. Was jeweils abschlägig beschieden wurde bzw. forderte das Außenministerium, dass nur Personen mit ausreichend Geldmitteln sowie einem gültigen Visum für ein Drittland ein japanisches Transitvisum erhalten dürfen.

Chiune, Vater von vier Söhnen, entschloss sich, das seiner Meinung nach Richtige zu tun und stellte vom 29. Juli 1940 bis zur Schließung des Konsulats im September rund 2600 solcher Transitvisa aus. Da die Pässe meist für ganze Familien galten, kann man „davon ausgehen, dass an die 10.000 Juden auf diese Weise vor Verfolgung und Tod flüchten konnten.“ Denn Chiune Sugihara wandte sich zudem an den russischen Vize-Volkskommissar für Auswärtige Beziehungen im besetzten Litauen, um den Juden eine Reise durch die Sowjetunion zu ermöglichen. Es folgte ein Politbüro-Beschluss, über das staatliche russische Reisebüro „Intourist“ erhielten die Flüchtlinge (völlig überteuerte) Fahrkarten für die Transsibirische Eisenbahn. So haben praktisch alle „Sugihara-Juden“ den Krieg überlebt.

Späte Anerkennung: „Gerechter unter den Völkern“

Für Chiune Sugihara – der später sagte, dass „Menschlichkeit und Mitgefühl immer an erster Stelle stehen“ – sollte sich sein lebensrettender Einsatz nicht auszahlen. Nach Stationen als Konsul in Prag, Königsberg und ab 1942 in Bukarest sowie russischer Gefangenschaft nach Kriegsende, kehrte Sugihara 1946 mit seiner Familie nach Japan zurück. Ein Jahr später wurde er vom Außenministerium zum Rücktritt aus dem diplomatischen Dienst „gebeten“ – offiziell aus Gründen des Personalabbaus, inoffiziell wohl wegen „dieser Vorfälle in Litauen.“ In Japans diplomatischen Kreisen galt er noch viele Jahre als „persona non grata“.

Sugihara arbeitete danach für US-Firmen, im staatlichen Fernsehen und von 1960 bis zu seiner Pensionierung 1976 in gehobener Position bei verschiedenen russisch-japanischen Handelsfirmen in Moskau. Ein Überlebender aus Litauen, nunmehr Wirtschaftsattaché der Israelischen Botschaft in Tokio, macht Sugihara im Jahr 1968 nach einiger Suche ausfindig. Dieser wurde von der Israelischen Regierung empfangen und 1985, ein Jahr vor seinem Tod, von der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt – als bisher einziger Japaner. Nach seinem Ableben folgten weitere Ehrungen. In seiner Heimat wurde der „Konsul, der sich nicht an Vorschriften hielt“ erst viel später gewürdigt. Im Jahr 2000 sagte der damalige japanische Außenminister bei der Enthüllung einer Gedenktafel: „Wir sind stolz, einen wunderbaren Vorgänger zu haben, der durch eine humanitäre und mutige Entscheidung die Bedeutung von Menschlichkeit aufgezeigt hat.“

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