TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Gewohnheitsmäßiger Hohn“, Ausgabe vom 2. Februar 2022 von Florian Weissmann.
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Gewohnheitsmäßiger Hohn“, Ausgabe vom 2. Februar 2022 von Florian Weissmann.
Innsbruck (OTS) – Als die britischen Konservativen Boris Johnson die Führung der Partei und des Landes anvertrauten, wussten sie, auf wen sie sich einlassen. Mit der Partygate-Affäre ernten sie nun, was sie gesät haben.
Noch ist offen, ob der britische Premier Boris Johnson die Partygate-Affäre politisch überlebt. Die Untersuchungen – zuerst einer Beamtin und jetzt der Polizei – haben ihm zumindest eine Gnadenfrist verschafft. Zeit für Johnson und seine Getreuen, in unzähligen Gesprächen Druck auf murrende Abgeordnete der eigenen Partei auszuüben, sie mit politischen Versprechen zu ködern oder ihnen Angst vor Neuwahlen zu machen. Dabei nützt ihm paradoxerweise das Umfragetief, in das der Premier seine Partei selbst gestürzt hat.
Noch vor einer Woche schien es, als stünde Johnsons Rücktritt oder sein Sturz durch die eigene Fraktion unmittelbar bevor. Inzwischen ist die Rede von einem Entscheidungsprozess, der Tage, Wochen oder sogar Monate dauern kann. Jede Partei tut sich schwer, einen Chef abzusägen, der erst vor zwei Jahren einen spektakulären Wahlsieg gefeiert hat. Nicht wenige Tories dürften hoffen, dass der Skandal vorüberzieht und Johnson mit seinem hemdsärmeligen Populismus ihnen auch in Zukunft dienlich sein kann.
Nicht zuletzt ist Partygate für die ganze Partei peinlich. Sie wusste ja, auf wen sie sich einlässt: dass Johnson einer abgehobenen Elite entstammt, die Politik als Machtspiel betreibt. Dass er kein Prinzip kennt außer Gewinnen mit allen Mitteln. Dass er zu diesem Zweck lügt und blendet und sich als Clown inszeniert. Trotzdem hat sie Johnson aus wahltaktischen Gründen die Führung der Partei und des Landes anvertraut. Für eine konservative Partei, die traditionelle Werte, Anstand und Regeln hochhält, grenzte das schon vor Partygate an Selbstverleugnung.
Jetzt ernten die Torys, was sie gesät haben. Ihr Premier und seine Umgebung haben offenbar gewohnheitsmäßig gefeiert, während sie den einfachen Bürgern die Entbehrungen eines Lockdowns auferlegten. Dabei geht es nicht um einen einzelnen Fehltritt oder eine Schwäche, die augenzwinkernd toleriert werden könnte, sondern um eine Metapher für einen politischen Stil und eine persönliche Haltung. In ihrer Einfachheit und Klarheit überstrahlt sie Johnsons bisheriges politisches Sündenregister – bis hin zu überzogenen Brexit-Versprechungen, die den Premier bereits einzuholen beginnen. Auch jene Mitstreiter von Johnson, die Moral als sentimentale Selbstbeschränkung begreifen, werden jetzt überlegen, ob sie dem Premier den Stecker ziehen. Neue Enthüllungen oder der Abschluss der polizeilichen Ermittlungen könnten dazu führen – oder auch ein Desaster für die Torys bei den Lokalwahlen Anfang Mai. Aber schon jetzt steht fest: Großbritannien hat Besseres verdient. Und auch der Westen braucht in London einen Partner, der nicht nur mit sich selbst beschäftigt ist.
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