TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Ausgabe vom 17. August 2022, von Peter Nindler: „Schicksalswahl für Südtirol und die SVP“

TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Ausgabe vom 17. August 2022, von Peter Nindler: „Schicksalswahl für Südtirol und die SVP“

Innsbruck (OTS) – Eine mögliche postfaschistische und autonomiefeindliche Regierung in Rom sowie eine zerstrittene bzw. geschwächte Südtiroler Volkspartei: Die italienischen Parlamentswahlen könnten auch in Südtirol ein politisches Erdbeben auslösen.

Die italienischen Parlamentswahlen am 25. September erwischen die Südtiroler Volkspartei (SVP) mehr als nur auf dem falschen Fuß. Denn der drohende massive Rechtsruck mit einer möglichen postfaschistischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verheißt nämlich generell nichts Gutes für das durch die Autonomie verbriefte friedliche Zusammenleben der deutschen, ladinischen und italienischen Sprachgruppe. Zugleich steckt das Edelweiß nach wie vor in einer seiner größten innerparteilichen Krisen seit 1945. Bis jetzt war es eine Stärke der Sammelpartei, sich trotz aller internen Konflikte als Schutzschild der deutschsprachigen Minderheit in Italien zu präsentieren. Andererseits hat die SVP mit ihrer Autonomiepolitik in der Landesregierung die italienischsprechenden Südtiroler stets dazu eingeladen, diesen Sonderweg mitzugehen. Silvius Magnago machte als „Vater der Autonomie“ die Selbstverwaltung zu einer Erfolgsgeschichte, mit Luis Durnwalder kam ein weiteres großes Kapitel der „dynamischen“ Autonomie hinzu – auch dank Tausender italienischer Stimmen – und Arno Kompatscher setzt als Landeshauptmann diesen Weg konsequent fort. Obwohl die jeweiligen Zentralregierungen in Rom stärker denn je versuchen, die Autonomiekompetenzen auszuhöhlen.
Doch die im Frühjahr offen zutage getretenen Interessenkonflikte in der SVP, die alles andere als altbekannte Flügelkämpfe sind, haben die Sammelpartei nachhaltig erschüttert. Kann sie deshalb dem seit Jahrzehnten verinnerlichten Alleinvertretungsanspruch überhaupt noch gerecht werden?
In einer in Südtirol inzwischen ebenfalls fragmentierten Gesellschaft tut sich die SVP ohnehin bereits schwer. Skandale, Affären, ausufernde wirtschaftliche Machtgelüste hochrangiger Mandatare sowie Machtkämpfe auf allen Ebenen bis hinauf zu LH Arno Kompatscher bzw. Parteichef Philip Achammer verschärfen den politischen Schwächeanfall. Selbst die Kandidatennominierungen für die Parlamentswahlen offenbaren ein Bild der Zerrissenheit. Von konservativen Kräften in der SVP bewusst geschürt, um Kompatscher endgültig zu schwächen.
Wie will allerdings ein dermaßen zerfranstes Edelweiß dagegenhalten, wenn eine deklarierte autonomiefeindliche Regierung in Rom ans Ruder kommt, die alle bisherigen zentralistischen Angriffe auf die Südtirol-Autonomie in den Schatten stellt? Eineinhalb Jahre vor der Südtiroler Landtagswahl könnten die Wahlen in Italien den Erosionsprozess in der SVP beschleunigen. Oder die Verhältnisse neu ordnen. Zugunsten von Landeshauptmann Arno Kompatscher oder möglicherweise gegen ihn.

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender