IV-Konjunkturbarometer: Am Anfang eines flachen Erholungspfades

IV-Konjunkturbarometer: Am Anfang eines flachen Erholungspfades

IV-GS Neumayer & IV-Chefökonom Helmenstein: Indikatoren signalisieren vorsichtige Trendwende – Nachhaltigkeit von Reformfortschritten, Investitionen & Wachstumsmärkten abhängig

Die längste Rezession der jüngeren österreichischen Wirtschaftsgeschichte ist vorüber. Nach drei Jahren einer zunächst schrumpfenden und dann stagnierenden Wirtschaftsleistung ist für das laufende Jahr 2026 eine leichte Erholung zu erwarten. Allerdings partizipieren die einzelnen Sektoren und Branchen der österreichischen Wirtschaft in ausgeprägt unterschiedlichem Ausmaß daran. Dies hat zur Folge, dass die Zunahme der Wirtschaftsleistung voraussichtlich schwächer als während aller früheren Expansionsphasen ausfallen wird. Zudem steht die Erholungsperspektive unter dem Vorbehalt, dass weitere gravierende geopolitische Negativschocks ausbleiben. Positiv verstärkt werden würde sie wiederum von einem Ende des Krieges in der Ukraine.

„Offene Märkte, wettbewerbsfähige Kostenstrukturen und weniger Bürokratie sind keine ideologischen Wünsche, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit für ein exportorientiertes Land wie Österreich“, betont Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV). Um den Erholungsprozess zu stabilisieren und weiter zu beschleunigen, ist es daher erforderlich, die Entlastung bei Arbeits- und Energiekosten konsequent fortzusetzen, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und Investitionen wieder planbar zu machen.

Entscheidend für den weiteren Konjunkturverlauf wird sein, ob die europäische und österreichische Wirtschaftspolitik in der Lage ist, standortfreundliche Reformschritte zu setzen und dabei auch vor tiefgreifenden Reformen nicht zurückzuschrecken. „Im Rahmen der Industriestrategie wurden erste Schritte zur Kostenentlastung gesetzt, etwa durch den Industriestrompreis und die Verlängerung des Strompreiskosten-Ausgleichsgesetzes (SAG), auch ein klares Bekenntnis zum Abbau bürokratischer Belastungen ist positiv. Darüber hinaus braucht es aber auch Maßnahmen zur Förderung von Investitionen, die praxistauglich ausgestaltet werden, etwa durch erweiterte Abschreibungsmöglichkeiten sowie eine Vollabschreibung für Investitionen. Um die Eigenkapitalbasis zu stärken bedürfte es Maßnahmen, wie die steuerliche Besserstellung nichtentnommener Gewinne oder eine Eigenkapitalverzinsung als fiktive Abschreibung“, betont Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV).

Profitieren würde die Erholung zudem auch von flankierenden Schritten, welche der europäischen exportorientierten Industrie neue Absatzmärkte eröffnen. „Die Welt wächst, nur Österreich kann daran immer weniger teilhaben. Das müssen wir ändern“, warnt Neumayer. Besonders wichtig seien dabei das rasche Inkrafttreten des Handelsabkommens mit den MERCOSUR-Staaten sowie substanzielle Fortschritte bei einem Abkommen mit Indien. „Neue Wachstumsmärkte sind kein Nice-to-have, sondern die Voraussetzung dafür, dass aus einer fragilen Erholung ein echter Aufschwung wird. Ohne diesen Aufschwung werden wir uns unseren Sozial- und Wohlfahrtsstaat nicht mehr leisten können“, warnt Neumayer.

„Konjunkturelle Wendepunkte sind notorisch schwierig zu prognostizieren. Vor einem halben Jahr zeigte das IV-Konjunkturbarometer Anzeichen einer bevorstehenden Wende zu Besserem, da der Anteil der Pessimisten unter den Respondenten, die eine weitere Verschlechterung erwarteten, deutlich abnahm, während der Anteil der Optimisten noch weitgehend unverändert auf niedrigem Niveau verharrte. Dieser von uns seinerzeit als Frühindikator für eine bevorstehende konjunkturelle Wende bezeichnete Befund hat sich auch in diesem Zyklus als treffsicher erwiesen“, erklärt Christian Helmenstein, IV-Chefökonom. Dementsprechend zeigen nunmehr alle Indikatoren mehr oder weniger stark aufwärts, überschreiten aber nur zum Teil die Nulllinie. Für jene (noch) unterhalb des Scheitelpunktes bedeutet dies eine verlangsamte Schrumpfung, für jene oberhalb einen Nettozuwachs.

Getragen wird die Aufwärtsbewegung in der Industrie von einem steigenden Absatz in der Pharmazeutik, bei elektrischen Ausrüstungen, von der Nahrungs-/Futtermittelindustrie ebenso wie der Getränkeindustrie. Stabilisiert hat sich die Lage in der Automobilindustrie, was auf die Chemische Industrie ausstrahlt. An erster Stelle bei der Produktionsausweitung steht jedoch der Absatz „sonstiger Waren“, zu denen Wertsachen wie Gold und Münzmetalle zählen – hier kommt die anhaltende wirtschaftliche Unsicherheit zum Ausdruck.

Unter starkem Druck steht nach wie vor die Mineralölverarbeitung, die Energieversorgung aufgrund der rezessionsbedingten Mindernachfrage sowie unterdurchschnittlicher Niederschläge und damit zusammenhängend einer geringeren Wasserführung der Flüsse, die Bekleidungsherstellung, die Papier- und Pappeerzeugung sowie die Metallbearbeitung und -verarbeitung. Noch keine Belebung zeigt die Bauwirtschaft in realer Betrachtung, doch sollte sich hier im weiteren Verlauf des Jahres eine leicht positive Dynamik einstellen.

„Entscheidend für die Erholungsperspektive der österreichischen Wirtschaft wird sein, ob es gelingt, die Investitionstätigkeit der Unternehmen wieder in Gang zu bringen. Diese präsentiert sich nach wie vor schwach. Das für die kommenden Monate zu erwartende Geschehen umfasst – neben notwendigen Ersatzinvestitionen – im Wesentlichen Investitionsausgaben im Zusammenhang mit der digitalen Transformation (Rechenzentren, Software) und der Umstellung des Energiesystems auf erneuerbare Energieträger. Investitionen in die Erweiterung bestehender und gar den Aufbau neuer Produktionskapazitäten bleiben hingegen nach wie vor Mangelware“, so Helmenstein.

Um die Investitionsneigung zu unterstützen, bedarf es neben der jüngst vorgelegten Industriestrategie mit in die richtige Richtung weisenden Einzelmaßnahmen vor allem tiefgreifender Strukturreformen bei der Entbürokratisierung und Deregulierung. Ebenso erforderlich sind maßgebliche Reformschritte in den Bereichen der Gesundheitsversorgung, der Pensionen und des Föderalismus, um budgetäre Spielräume zu schaffen. Diese sind zur Absenkung der im OECD-Vergleich derzeit dritthöchsten Staatsausgabenquote und nach Schätzungen des IMF per 2030 zweithöchsten Staatseinnahmenquote um fünf Prozentpunkte auf das durchschnittliche Niveau der EU-27-Mitgliedstaaten unausweichlich. Dadurch würden Produktivitätspotenziale freigesetzt, derer es bedarf, um in einer über Jahre hinweg erforderlichen Anstrengung die aus dem Ruder gelaufenen Lohnstückkosten auf ein gegenüber den österreichischen Handelspartnern wettbewerbskompatibles Niveau abzusenken.

IV-KONJUNKTURBAROMETER ÜBERSPRINGT NULLLINIE

Vor diesem Hintergrund verbessert sich das IV-KONJUNKTURBAROMETER als Durchschnitt der Einschätzungen der aktuellen Geschäftslage und jener in sechs Monaten um 14,7 Punkte, überspringt damit die Nulllinie klar und erreicht mit +9,0 PUNKTEN (nahezu) denselben Stand wie zu Beginn der Rezession.

Bei der Komponente der Einschätzung der AKTUELLEN GESCHÄFTSLAGE in der Industrie springt der Saldo von -8 Punkten auf +14 PUNKTE, während sich der Saldo bei den GESCHÄFTSERWARTUNGEN moderater von -3 Punkten auf +5 PUNKTE verbessert. Aufschlussreich ist eine nähere Betrachtung des Verhältnisses von Optimisten zu Pessimisten. Der aktuelle Geschäftsgang wird derzeit noch von knapp jedem fünften Unternehmen als „schlecht“ beschrieben, doch ein Quartal zuvor war dies noch jedes dritte. Zugleich erhöht sich der Anteil der optimistischen Respondenten um neun Prozentpunkte. Hinsichtlich der Geschäftsaussichten ist jedoch eine weitaus größere Zurückhaltung zu beobachten. Hier bleibt der Anteil mit jedem achten Unternehmen, das einen nach wie vor ungünstigen Verlauf erwartet, gänzlich unverändert, während der Anteil der Unternehmen, die einen günstigen Verlauf erwarten, von zehn Prozent auf 18 Prozent zunimmt. Der aktuelle Geschäftsgang erweist sich somit im Quartalsvergleich als spürbar verbessert, allerdings verbleibt eine weitverbreitete Skepsis ob der Tragfähigkeit der Erholung.

DIE ERGEBNISSE IM DETAIL

Zuversichtlich für eine Stabilisierung der Erholungsdynamik kann die Verbesserung bei dem Indikator der GESAMTAUFTRAGSBESTÄNDE in der Industrie stimmen. Mit einem Plus von 19 Punkten erklimmt der Saldo einen Wert von +14 PUNKTEN. Dies ist immerhin der beste Wert seit zweieinhalb Jahren, als noch Restauftragsbestände aus der Post-COVID-Erholung in den Büchern standen.

Verhaltener verläuft die Entwicklung bei der Subkomponente der AUSLANDSAUFTRÄGE. Hier ist in analoger Weise eine Trendumkehr zu verzeichnen, die vor dem Hintergrund der Aufwertung der Gemeinschaftswährung sowie des fluktuierenden Zollregimes zwischen der EU und den USA mit einem Plus von allerdings nur zwölf Punkten auf einen Saldo von +9 PUNKTEN führt.

Dementsprechend hat sich der Verlust an Auftragsreichweite nach einem erneuten Rücksetzer im Vorquartal nicht mehr fortgesetzt, was grundsätzlich als positive Nachricht für die Absicherung der inländischen Produktionsstätten in den kommenden Quartalen zu interpretieren ist. Zu befürchten ist allerdings, dass sich die Abwertung des US-Dollars um mittlerweile 13% gegenüber demselben Zeitpunkt des Vorjahres in den kommenden Monaten als immer größere Belastung für die exportorientierte Industrie erweisen wird, sodass angesichts eines für das Jahr 2026 von Seiten des Internationalen Währungsfonds erwarteten globalen Wachstums von real 3,3% weitere Marktanteile verloren gehen werden.

Angesichts des etwas aufgehellten Konjunkturbildes ziehen die KURZFRISTIGEN PRODUKTIONSERWARTUNGEN in der Industrie nach einer langen Durststrecke von 14 Quartalen auf einen SAISONBEREINIGTEN Saldo von +12 PUNKTEN an. Im Durchschnitt kommt es, unter Berücksichtigung einer starken Auffächerung der branchenspezifischen Produktionsdynamiken, zu einer Produktionsausweitung, die etwas über das Maß einer saisonbedingten Expansion hinausgeht.

Am Arbeitsmarkt kommt die leichte Erholung jedoch noch nicht an. Vielmehr wirkt der während der letzten drei Jahre graduell voranschreitende Prozess der De-Industrialisierung bei den BESCHÄFTIGUNGSAUSSICHTEN als nachlaufender Variable noch unvermindert nach. Der Beschäftigungssaldo verharrt fast unverändert gegenüber den beiden Vorquartalen (-20 Punkte) auf einem Niveau von -19 PUNKTEN. Der Stellenabbau in der Industrie hält mithin an und reflektiert die exorbitant hohen Lohnstückkostendynamiken der letzten Jahre. Da diesbezüglich kurzfristig kaum eine Verbesserung der Lage in Sicht ist, nimmt die Einstellungsneigung der Unternehmen nicht nur nicht zu, sondern noch weiter ab: Beabsichtigte vor einem halben Jahr zumindest jedes siebente eine Stellenaufstockung, weist derzeit nur noch jedes neunte Unternehmen eine positive Einstellungsneigung auf. Weiterhin gibt nahezu jedes dritte Unternehmen an, Beschäftigte abbauen zu müssen.

Trotz des im Durchschnitt weiterhin starken Kostendrucks sehen 84% der Unternehmen keine Möglichkeit, ihre Verkaufspreise zu erhöhen. Verschärft wird die Situation durch handelsumlenkende Effekte protektionistischer Maßnahmen, in deren Gefolge Waren aus Asien verstärkt auf den europäischen Markt drängen. Der Saldo der VERKAUFSPREISE verzeichnet dementsprechend nur eine geringe Änderung und nimmt auf +4 PUNKTE zu.

Die Vielzahl an konjunkturellen und strukturellen Belastungen schlägt sich nach wie vor in der AKTUELLEN ERTRAGSLAGE der Unternehmen nieder. Der Saldo der Ertragslage als besonders schwankungsanfällige Residualgröße verbessert sich auf -5 PUNKTE (nach zuvor -25) und verlässt damit zumindest das tiefrote Terrain, doch liegt sie weiterhin unter der Nulllinie, sodass der Anteil der Unternehmen, die sich in einer schwierigen Ertragssituation befinden, weiterhin überwiegt. In Übereinstimmung mit den leicht aufgehellten Erwartungen für den weiteren Geschäftsverlauf überschreiten die ERTRAGSERWARTUNGEN auf Sicht von sechs Monaten mit einem Saldo von +12 PUNKTEN erstmals seit fünf (!) Jahren deutlich die Nulllinie. Damit überwiegt Anteil der Unternehmen, die eine Verbesserung ihrer Ertragslage während der ersten Jahreshälfte 2026 erwarten, den Anteil jener Unternehmen, die eine weitere Verschlechterung erwarten, im Verhältnis von rund 2:1. Auch dieser Wert bringt die gespaltene Industriekonjunktur nochmals zum Ausdruck.

DIE IV-KONJUNKTURUMFRAGE: ZUR BEFRAGUNGSMETHODE

An der jüngsten Konjunkturumfrage der Industriellenvereinigung beteiligten sich 376 Unternehmen mit rund 253.000 Beschäftigten. Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur Anwendung: Den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der konjunktursensible „Saldo“ aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet.

Marlena Mayer
Telefon: +436648412915
E-Mail: marlena.mayer@iv.at
Website: https://www.iv.at/

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