Eine Kindheit ohne Großeltern: Die stille Folge später Elternschaft

Eine Kindheit ohne Großeltern: Die stille Folge später Elternschaft

Medienberichten zufolge werden immer weniger Menschen zu Großeltern, was zu Vereinsamung und verminderter Lebensqualität führen kann, da für diese Menschen ein essenzielles Lebensziel nicht erreicht wurde. Tatsächlich stimmt es, dass aufgrund des Geburtenrückganges und des immer späteren Kinderwunsches immer weniger Erwachsene Großeltern werden. Allerdings hat dies auch fundamentale Auswirkungen, wenn wir das Problem von einer anderen Perspektive betrachten, denn immer weniger Kinder haben Großeltern.

„Der Trend zum immer späteren Kinderwunsch hat nicht nur medizinische, sondern auch tiefgreifende gesellschaftliche Konsequenzen. Wir sehen zunehmend Familien, in denen Kinder kaum oder gar keine aktive Großelterngeneration mehr erleben“, erklärt Michael Feichtinger, Leiter vom Wunschbaby Institut Feichtinger.

Sozial haben bei uns Menschen und bei vielen Tierarten die Großeltern eine zentrale Rolle in der Betreuung und Erziehung der Kinder. Gerade in unserer modernen Welt können Großeltern berufstätige Eltern unterstützen beziehungsweise auch einen fehlenden Elternteil bei alleinerziehenden Eltern bis zu einem gewissen Maße kompensieren. Einer finnischen Studie zufolge führt das Fehlen einer Großelterngeneration zu einer erniedrigten Geburtenrate in mehreren europäischen Ländern und könnte dadurch einen wesentlichen Faktor darstellen, warum sich Menschen gegen ein weiteres Kind entscheiden.

„Großeltern sind oft ein zentrales soziales Sicherheitsnetz – emotional wie praktisch. Fehlt diese Unterstützung, steigt der Druck auf junge Eltern deutlich. Das beeinflusst nachweislich auch die Entscheidung für weitere Kinder“, so Feichtinger.

Der Kontakt der Großelterngeneration mit den Enkelkindern hat für beide Beteiligte wissenschaftlich nachgewiesene Vorteile wie eine gesteigerte Lebensqualität und eine Verringerung von depressiven Episoden. Kinder, welche viele Jahre mit ihren Großeltern verbringen, sind im Schnitt besser in der Schule und schließen eher eine Sekundärausbildung ab, wie eine finnische Studie zeigen konnte.

Auch wenn wir immer älter werden, kann sich oftmals ein Großelternteil in seinen 70ern oder 80ern nicht so um die Enkelkinder kümmern wie ein Großelternteil in seinen 50ern oder 60ern. Hinzu kommt, dass mit jeder Generation, welche ihren Kinderwunsch nach hinten schiebt, das Alter der Großeltern noch weiter ansteigt. Wenn die eigene Mutter mit 20 Jahren Mutter wurde, man selbst jedoch erst mit 40 ist sie mit 60 Jahren Großmutter. Wenn die eigene Mutter mit 40 Jahren Mutter wurde, man selbst mit 20 Jahren Mutter wurde, ist sie ebenfalls mit 60 Jahren Großmutter. Ist die eigene Mutter jedoch erst mit 40 Jahren Mutter geworden und man selbst bekommt sein Kind ebenfalls mit 40, ist sie bereits 80, wenn sie Großmutter wird.

Diese Effekte beginnen wir mit immer späterem Kinderwunsch über die letzten Dekaden gerade zu beobachten und sie bereiten uns große Sorge.

„Wenn Großeltern erst mit 75 oder 80 Jahren diese Rolle übernehmen, können sie sie häufig nicht mehr so ausfüllen, wie es für Kinder ideal wäre. Dabei profitieren Kinder enorm vom regelmäßigen Kontakt – emotional, sozial und schulisch“, betont Feichtinger.

Abseits von biologisch-medizinischen Faktoren, welche für ein früheres Alter bei Erfüllung des Kinderwunsches sprechen, haben auch gesellschaftlich-familiäre Faktoren wie die Involvierung von Großeltern in die Kindeserziehung und Betreuung und ihr Einfluss auf die Enkelkinder große Relevanz. Junge Eltern haben eher die Unterstützung ihrer eigenen Eltern und ermöglichen ihren Kindern eine verstärkte Interaktion mit ihren Großeltern, was zur Zufriedenheit und psychischen Gesundheit aller Beteiligten beiträgt.

Studien:

Lehti, H., Erola, J., & Tanskanen, A. O. (2018). Tying the Extended Family Knot—Grandparents’ Influence on Educational Achievement. _European Sociological Review_,_ 35_(1), 29-48. https://doi.org/10.1093/esr/jcy044

Moorman, S. M., & Stokes, J. E. (2016). Solidarity in the Grandparent-Adult Grandchild Relationship and Trajectories of Depressive Symptoms. _Gerontologist_,_ 56_(3), 408-420. https://doi.org/10.1093/geront/gnu056

Pillemer, K., Nolte, J., Schultz, L., Yau, H., Henderson, C. R., Jr., Cope, M. T., & Baschiera, B. (2022). The Benefits of Intergenerational Wisdom-Sharing: A Randomized Controlled Study. _Int J Environ Res Public Health_,_ 19_(7). https://doi.org/10.3390/ijerph19074010

Tanskanen, A. O., & Rotkirch, A. (2014). The impact of grandparental investment on mothers’ fertility intentions in four European countries. _Demographic Research_,_ 31_(1), 1-26. https://doi.org/10.4054/DemRes.2014.31.1

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