Fortschritt statt Verbote: Wie kann Österreich eine führende Rolle einnehmen?

Fortschritt statt Verbote: Wie kann Österreich eine führende Rolle einnehmen?

Fortschritt entsteht oft dort, wo neue Technologien ernst genommen, ausprobiert und verantwortungsvoll genutzt werden. An diesem Punkt steht Österreich aktuell. Die Voraussetzungen für eine führende Rolle im digitalen Europa sind vorhanden, teilweise sogar stärker ausgeprägt als in vielen Nachbarstaaten.

Doch der entscheidende Schritt besteht darin, vorhandene Stärken konsequent zu skalieren und regulatorische Rahmenbedingungen als Werkzeug zu begreifen. Maßgeblich ist dabei weniger die Detailfrage einzelner Gesetze als der grundsätzliche Umgang mit technologischer Veränderung.

DIGITALE AUSGANGSLAGE MIT KLAREN STÄRKEN UND SPÜRBAREN LÜCKEN

Österreich wird in europäischen Vergleichen regelmäßig unter den digitalen Vorreitern geführt. Eine nahezu flächendeckende 5G-Abdeckung, eine digitale Identität für weite Teile der Bevölkerung und eine vergleichsweise hohe Nutzung von KI-Anwendungen in Unternehmen bilden ein solides Fundament. Diese Faktoren zeigen, dass technologische Akzeptanz vorhanden ist und digitale Services längst Teil des Alltags geworden sind, auch jenseits urbaner Zentren.

Gleichzeitig zeigen sich Bruchlinien, die den nächsten Entwicklungsschritt erschweren. Der Glasfaserausbau kommt außerhalb der Ballungsräume nur schleppend voran, datenintensive Anwendungen stoßen dadurch rasch an infrastrukturelle Grenzen.

Hinzu kommt, dass rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen für KI in Wirtschaftskreisen häufig als zu komplex oder zu wenig praxisnah wahrgenommen werden, was Investitionen verzögert und Experimentierfreude hemmt. Fortschritt entsteht selten im Wartemodus, vielmehr dort, wo klare Pfade sichtbar sind und Entscheidungen nicht aufgeschoben werden.

WETTBEWERB ALS INNOVATIONSMOTOR STATT MONOPOLISTISCHER BREMSE

Ein Blick auf angrenzende Märkte verdeutlicht, wie stark Regulierung über Dynamik oder Stillstand entscheidet. In Deutschland existiert ein vielfältiger Wettbewerb im Online-Glücksspiel, weshalb es auch das ein oder andere Online-Casino ohne OASIS Sperre, aber auch mit deutscher Lizenz gibt. Diese Vielfalt erhöht den Innovationsdruck, fördert neue Geschäftsmodelle und zwingt Anbieter dazu, technologische Lösungen laufend weiterzuentwickeln. Wettbewerb wirkt dabei weniger zerstörerisch als ordnend und antreibend zugleich.

In Österreich dominiert weiterhin ein staatliches Monopol, das Stabilität bietet, jedoch Wettbewerb und Innovation deutlich verlangsamt. Monopolstrukturen neigen dazu, Risiken zu vermeiden und bestehende Prozesse zu konservieren. Übertragen auf Digitalisierung und KI zeigt sich, dass Fortschritt dort entsteht, wo Konkurrenz neue Ideen erzwingt und technologische Qualität den Ausschlag gibt. Offenheit fungiert in diesem Zusammenhang als Katalysator.

FORTSCHRITT STATT VERBOTE ALS GRUNDHALTUNG IM UMGANG MIT TECHNOLOGIE

Der Leitsatz Fortschritt statt Verbote zielt weniger auf möglichst lockere Regulierung ab, er setzt vielmehr auf ein glaubwürdiges Signal. Technologienutzung gilt als erwünscht, solange Risiken professionell gemanagt und europäische Standards eingehalten werden. Diese Haltung verändert den Ton der Debatte, da Innovation nicht länger primär als potenzielle Gefahr betrachtet wird, aber als gestaltbarer Prozess mit klaren Regeln.

Ein pro-innovativer Default in Verwaltung und Gesetzgebung kann an diesem Punkt ansetzen. Projekte im Bereich Digitalisierung und KI gelten grundsätzlich als zulässig, sofern sie innerhalb definierter Leitplanken operieren. Ergänzt wird dieser Ansatz durch Regulierung durch Ermöglichung, etwa in Form von Sandboxes, Pilotprojekten und praxisnahen Leitfäden zur Umsetzung europäischer Vorgaben.

INFRASTRUKTUR, KI-ÖKOSYSTEME UND DER STAAT ALS ERSTER ANWENDER

Ohne leistungsfähige Infrastruktur bleibt jede Digitalstrategie Theorie. Glasfaser bis zur letzten Meile muss als nationales Zukunftsprojekt verstanden werden, vergleichbar mit dem Ausbau von 5G oder der Einführung der digitalen Identität. Entscheidend ist nicht allein der Anschluss, vielmehr die Verknüpfung mit der Ansiedlung digitaler Unternehmen, Rechenzentren und datenintensiver Anwendungen wie Telemedizin, Industrie-4.0-Prozessen oder immersiven Technologien. Infrastruktur entfaltet ihren Wert erst dann, wenn sie aktiv genutzt wird.

Der Staat übernimmt eine zentrale Rolle als erster Anwender. Österreich verfügt im E-Government bereits über eine solide Ausgangsposition, die systematisch ausgebaut werden kann. KI-gestützte Prozesse in Verwaltung, Justiz und Daseinsvorsorge erhöhen Effizienz und Qualität, ohne menschliche Expertise zu verdrängen. Öffentliche Ausschreibungen, die kleinere innovative Anbieter berücksichtigen und auf offene Schnittstellen setzen, können zusätzliche Impulse setzen und Vertrauen in neue Technologien schaffen.

TALENT, BILDUNG UND KAPITAL ALS LANGFRISTIGE STELLSCHRAUBEN

Technologische Führungsrollen werden nicht allein durch Infrastruktur entschieden, sie entstehen durch Menschen. Datenkompetenz und KI-Grundlagen sollten fixer Bestandteil höherer Schulen und relevanter Studiengänge sein, praxisnah vermittelt und eng an reale Anwendungen gekoppelt. Ergänzt wird dies durch eine breit angelegte Weiterbildungsoffensive für Beschäftigte in KMU, Verwaltung und Pflege, um bestehende Belegschaften mitzunehmen und Unsicherheiten abzubauen.

Auch die internationale Dimension gewinnt an Bedeutung. Attraktive Visa- und Standortbedingungen für spezialisierte Fachkräfte sowie Gründerinnen und Gründer eröffnen Zugang zu Know-how und neuen Perspektiven. Kapital bildet das dritte Element dieses Dreiecks. Fonds-of-Funds-Modelle, Co-Investments und steuerliche Anreize für Re-Investments können privates Venture Capital mobilisieren und die Lücke zwischen frühen Entwicklungsphasen und internationaler Skalierung schließen.

Damit entsteht die Chance, sich als Standort zu positionieren, an dem europäische Regeln transparent und nah an der Wirtschaft angewendet werden. Parallel dazu kann eine aktive Rolle in europäischen Initiativen zu Cloud-Infrastruktur, Datenräumen und Hochleistungsrechnen dazu beitragen, digitale Souveränität mitzugestalten. Die Offenheit für internationale Kooperationen mit den USA und Asien ergänzt diesen Ansatz, solange Sicherheits- und Datenschutzstandards eingehalten werden.

Österreich besitzt die Möglichkeit, sich als Standort zu etablieren, an dem Digitalisierung und KI früh praktisch werden und europäische Regeln als Qualitätsmerkmal gelten. Fortschritt entsteht nicht durch Schlagworte, er entsteht durch konsequentes Handeln, das Innovation ermöglicht und Verantwortung ernst nimmt. In dieser Balance liegt das eigentliche Differenzierungsmerkmal.

Anna Müller
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