Budget: TU Wien verhängt vorübergehenden Ausschreibungsstopp für Globalbudgetstellen angesichts ungeklärter Finanzierungslage 2028–2030

Budget: TU Wien verhängt vorübergehenden Ausschreibungsstopp für Globalbudgetstellen angesichts ungeklärter Finanzierungslage 2028–2030

Die TU Wien setzt seit Mitte Juni 2026 Stellenausschreibungen für Globalbudgetstellen vorübergehend aus. Grund ist die anhaltende Unsicherheit über die Universitätsfinanzierung der Leistungsvereinbarungsperiode 2028–2030: Eine ursprünglich für Juni angekündigte genaue Festlegung des Finanzrahmens wurde von der Bundesregierung auf eine Regierungsklausur im Herbst vertagt: Bis 31. Oktober muss laut gesetzlicher Frist Klarheit herrschen. Bis dahin agiert die TU Wien vorsorglich.

Die Universitätenkonferenz (uniko) war Ende Mai darüber informiert worden, dass für die Leistungsperiode 2028–2030 nur rund 15,5 Mrd. Euro für alle 22 öffentlichen Universitäten vorgesehen seien – gegenüber einem von den Universitäten auf Basis der WIFO-Inflationsprognosen ermittelten Bedarf von 18 Mrd. Euro, um die laufenden Kostensteigerungen abzudecken. Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner hat diese Zahl in der Folge relativiert und eine endgültige Entscheidung auf den Herbst verschoben; eine verbindliche Größenordnung liegt damit derzeit nicht vor.

GENAU DIESE UNSICHERHEIT IST DER GRUND FÜR DIE MASSNAHME DER TU WIEN. Bei einem aktuellen Globalbudget von rund 410 Mio. Euro jährlich würde ein Einschnitt in der diskutierten Größenordnung für die TU Wien einen Sparzwang von etwa 50 bis 60 Mio. Euro pro Jahr ab 2028 bedeuten. Eine Universität kann auf eine Differenz dieser Höhe nicht erst reagieren, wenn sie eintritt – Berufungsverfahren, Projektzusagen und Vertragsverlängerungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter laufen über Jahre und müssen schon heute mit der nötigen Vorsicht geplant werden.

„_Der Ausschreibungsstopp für Globalbudgetstellen ist keine Vorsichtsmaßnahme aus Übervorsicht, sondern eine betriebliche Notwendigkeit angesichts einer Planungslücke, die wir uns nicht leisten können zu ignorieren_“, sagt TU Wien-Rektor Jens Schneider. „_Wir wissen heute nicht, mit welchem Budget wir ab 2028 tatsächlich rechnen müssen. Genau das zwingt uns, bei Personalausschreibungen vorerst sehr zurückhaltend zu sein. Sollte der befürchtete Einschnitt tatsächlich so massiv kommen, werden wir zu weiteren Mitteln greifen müssen, um unseren Betrieb aufrechtzuerhalten. Und wir haben eine hohe Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, rechtzeitig und angemessen zu reagieren._“

WISSENSCHAFTLICHER NACHWUCHS ZUERST BETROFFEN

Personalkosten machen mehr als 63 Prozent des TU Wien-Budgets aus. Gebäude- und Energiekosten lassen sich nur langfristig reduzieren, auch bei Sachmitteln bestehen keine Spielräume in der erforderlichen Größenordnung. Bei unbefristeten Stellen ist kurzfristig ohnehin keine Einsparung möglich. Sollten die Kürzungen tatsächlich in der diskutierten Höhe kommen, träfen sie deshalb zuerst und am stärksten befristet beschäftigte Nachwuchswissenschaftler_innen, den wissenschaftlichen Mittelbau und studentische Mitarbeiter_innen – jene Gruppen, die nach Jahren der Ausbildung erste Verantwortung in Forschungsprojekten übernehmen, wissenschaftliche Karrieren aufbauen und einen wesentlichen Teil des Lehr- und Forschungsbetriebs tragen.

Für Studierende hieße das in der Konsequenz: schlechtere Betreuungsverhältnisse, größere Lehrveranstaltungen, weniger individuelle Betreuung, längere Studiendauern und höhere Drop-out-Raten. Gleichzeitig würde die Zahl der Absolventinnen und Absolventen sinken – zu einem Zeitpunkt, an dem Wirtschaft und Industrie dringend qualifizierte Fachkräfte benötigen.

RISIKO FÜR FORSCHUNG, INNOVATION UND SCHLÜSSELTECHNOLOGIEN

Auch die Forschungsleistung wäre betroffen, wenn Personal über längere Zeit nicht nachbesetzt werden kann: Projekte verzögern sich, Unternehmenskooperationen werden schwerer planbar, und der Betrieb von Forschungsinfrastruktur wie Hochleistungsrechnern, Datenzentren und Laboren erfordert mittelfristig ausreichend qualifiziertes Personal. Bereits getätigte Investitionen würden an Wirkung verlieren. Die autonomen Universitäten haben in den vergangenen Jahren ihre Organisationsstrukturen optimiert, Wirtschaftskooperationen und ein Startup-Ökosystem aufgebaut sowie internationale Netzwerke erweitert – diese Aufbauarbeit stünde bei einem derart harten Sparkurs in der Periode 2028–2030 auf dem Spiel.

Besonders betroffen wären Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Cybersecurity, Klimaschutz und Energietechnik oder Mikroelektronik und Informationstechnik. Gerade in diesen Schlüsseltechnologien hat die TU Wien in den vergangenen Jahren gezielt Personal aufgebaut, um dem steigenden Bedarf aus Wirtschaft und Gesellschaft nachzukommen – stabile, international vernetzte Teams und genügend motivierter wissenschaftlicher Nachwuchs entstehen nicht von einem Jahr auf das andere, sondern sind das Ergebnis langjähriger, kontinuierlicher Aufbauarbeit. Die Budgetkürzungen würden diese Entwicklung abrupt unterbrechen, noch bevor sie ihre volle Wirkung für Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität entfalten konnte. „_Wenn wir an den Universitäten Lehrende, Forschende und Nachwuchskräfte verlieren, geraten Ausbildung, Forschung und wirtschaftliche Innovationskraft zugleich unter Druck. Wenn die Politik hier spart, schneidet sie lernbereiten Menschen und auch den Unternehmen den Weg in die Zukunft Österreichs ab_“, so Schneider.

GEFÄHRDETE STÄRKE: ÖSTERREICHS ERFOLG BEI EU-FORSCHUNGSMITTELN

Besonders paradox wirkt die nationale Sparpolitik angesichts der europäischen Entwicklung: Die EU plant, ihr Forschungs- und Wissenschaftsbudget massiv zu erhöhen. Österreichische Universitäten, und die TU Wien im Besonderen, zählen bei der Akquise dieser kompetitiven EU-Mittel zu den europaweit erfolgreichsten. Bei den ERC Advanced Grants 2025 – mit 838 Mio. Euro für 319 Spitzenforscher_innen in 24 Ländern eines der härtesten Förderprogramme Europas – gingen allein 12 Grants nach Österreich.

Solche Erfolge sind kein Selbstläufer, sondern das Ergebnis stabiler Teams, erfahrener Antragsteller_innen und jahrelanger kontinuierlicher Unterstützungsstrukturen – also genau jener Strukturen, die durch einen die Kürzungen unmittelbar gefährdet wären. Wer erfahrene Nachwuchswissenschaftler_innen und Mittelbau-Personal verliert, verliert damit auch die Fähigkeit, in genau jenem europäischen Wettbewerb erfolgreich zu sein, der gerade jetzt deutlich mehr Mittel ausschüttet. Die Kürzungspläne wirken damit doppelt kontraproduktiv: Sie schwächen nicht nur die nationale Basisfinanzierung, sondern auch die Fähigkeit der Universitäten, genau jene zusätzlichen, leistungsbasierten EU-Mittel zu akquirieren, die einen Teil der Lücke kompensieren könnten.

UNIVERSITÄTEN HABEN BEREITS BEITRÄGE GELEISTET

Die TU Wien weist darauf hin, dass die Universitäten in den vergangenen Jahren bereits aktiv zur Budgetkonsolidierung beigetragen haben: 2025 brachten sie einen Solidarbeitrag von 129 Mio. Euro ein, Ende 2025 verzichteten sie zudem auf weitere 121 Mio. Euro aus ihren Leistungsvereinbarungen, um den Abschluss des FTI-Pakts zu ermöglichen, und die Gehaltsabschlüsse für das wissenschaftliche und künstlerische Personal liegen 2026 und 2027 mit 1,65 % bzw. 1,3 % deutlich unter der Inflation. Ein zusätzlicher Einschnitt in der nun diskutierten Größenordnung träfe Universitäten, die bereits vorgeleistet haben, übermäßig hart.

TU AUSTRIA ALLIANZ ALS BEISPIEL FÜR EFFIZIENZSTEIGERUNG

Unabhängig von der aktuellen Budgetsituation arbeiten Universitäten kontinuierlich daran, ihre Prozesse effizienter zu gestalten, Ressourcen zu schonen und Synergien zu nutzen. Ein Beispiel dafür ist die Allianz TU Austria: TU Wien, TU Graz und Montanuniversität Leoben – Gründungsuniversitäten seit 2010 – sowie Universität Innsbruck, JKU Linz und BOKU als assoziierte Partner arbeiten seit 2025 gemeinsam an der Effizienzsteigerung in Forschung, Lehre, gesellschaftlicher Wirkung und Verwaltung. Diese Zusammenarbeit zeigt: Die Universitäten kommen ihrer Verantwortung gegenüber Politik und Gesellschaft nach, auch und gerade unter Konsolidierungsdruck.

FOLGEN FÜR DEN WISSENSCHAFTS- UND WIRTSCHAFTSSTANDORT ÖSTERREICH

Die TU Wien warnt, dass massive Einschnitte im Universitätsbudget nicht nur einzelne Institutionen treffen, sondern langfristige Folgen für den gesamten Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Österreich hätten. Investitionen, die in den vergangenen Jahren wesentlich zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und Ausbildungsqualität beigetragen haben, würden geschwächt. Werden Karrierewege unterbrochen oder Perspektiven genommen, verliert Österreich hochqualifizierte Fachkräfte – an andere Länder oder andere Sektoren. Österreichweit würden Kürzungen den Ausbau neuer Studienangebote bremsen, notwendige Spezialisierungen im Masterstudium gefährden, die Betreuung von Studierenden verschlechtern und internationale Kooperationen sowie die Reputation des Forschungsstandorts schwächen. Erste Rückmeldungen internationaler Forscher_innen, die einen Wechsel nach Österreich aufgrund der laufenden Budgetdiskussion zurückstellen, liegen der TU Wien bereits vor.

Die TU Wien unterstützt die Linie der uniko: Kurzfristiger Konsolidierungsbedarf darf nicht auf Kosten von Bildung, Forschung und Innovation – und damit auf Kosten der jungen Generation – gehen. Der Ausschreibungsstopp für Globalbudgetstellen ist eine erste notwendige Maßnahme, um die wenigen Handlungsspielräume der TU Wien zu erhalten, solange keine Planungssicherheit besteht. Die TU Wien appelliert an die Bundesregierung, noch vor der Regierungsklausur im Herbst ein verlässliches Signal zur Universitätsfinanzierung zu geben – damit Universitäten ihre Berufungs- und Personalplanung wieder auf eine verlässliche Grundlage stellen können, statt auf Sicht zu fahren. Sollte die Budgetkürzung in der diskutierten Größenordnung tatsächlich kommen, werden weitere Maßnahmen folgen müssen, die die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich schwächen.

INFO-LINKS:

* uniko-Factsheet zur Entwicklung des Universitätsbudgets: https://uniko.ac.at/themen/finanzierung_budget/
* Elsevier-Studie: Österreich als Wissenschafts- und Technologienation: https://www.bmfwf.gv.at/wissenschaft/aktuelles/elsevier-studie.html

Bettina Neunteufl, MAS
Technische Universität Wien
Abteilung Kommunikation
Chief Communication Officer | Pressesprecherin
pr@tuwien.ac.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
© Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender