Lungenkrebs bei Frauen: Warum geschlechtssensible Medizin Leben retten kann
Lungenkrebs bei Frauen: Warum geschlechtssensible Medizin Leben retten kann
1. August ist Welt-Lungenkrebstag
LUNGENKREBS GILT BIS HEUTE ALS KLASSISCHE „RAUCHERKRANKHEIT“ – UND ALS ERKRANKUNG ÄLTERER MÄNNER. DIESES BILD ENTSPRICHT JEDOCH LÄNGST NICHT MEHR DER REALITÄT: WÄHREND DIE LUNGENKREBSHÄUFIGKEIT BEI MÄNNERN RÜCKLÄUFIG IST, STEIGT SIE BEI FRAUEN SEIT ENDE DER 1990ER-JAHRE AN. LUNGENKREBS IST INZWISCHEN – NACH BRUSTKREBS – WELTWEIT GESEHEN SCHON DIE ZWEITHÄUFIGSTE KREBSERKRANKUNG BEI FRAUEN. UND: IMMER MEHR WISSENSCHAFTLICHE STUDIEN ZEIGEN, DASS FRAUEN IN VIELERLEI HINSICHT ANDERS VON LUNGENKREBS BETROFFEN SIND ALS MÄNNER. UNTERSCHIEDE BESTEHEN NICHT NUR BEI DEN RISIKOFAKTOREN, SONDERN AUCH BEI DER TUMORBIOLOGIE, DER DIAGNOSTIK UND SOGAR BEIM ANSPRECHEN AUF BESTIMMTE THERAPIEN. VIELE DIESER UNTERSCHIEDE FINDEN IN DER MEDIZINISCHEN VERSORGUNG BISHER NOCH ZU WENIG BEACHTUNG. DARAUF WEIST DIE ÖSTERREICHISCHE GESELLSCHAFT FÜR PNEUMOLOGIE, ÖGP, ANLÄSSLICH DES BEVORSTEHENDEN WELT-LUNGENKREBSTAGES HIN.
Lungenkrebs ist weltweit die häufigste krebsbedingte Todesursache. Während die Erkrankungs- und Sterberaten bei Männern in vielen Industrieländern seit Jahren zurückgehen, steigen sie bei Frauen in zahlreichen Regionen weiter an oder gehen deutlich langsamer zurück – eine Entwicklung, die vor allem die veränderten Rauchgewohnheiten der vergangenen Jahrzehnte widerspiegelt, aber nicht allein dadurch erklärt werden kann (Backhus et al., 2024; Mosleh et al., 2024).
RAUCHEN BLEIBT DER WICHTIGSTE RISIKOFAKTOR – ABER NICHT DER EINZIGE
OA DR. MAXIMILIAN HOCHMAIR, Leiter der ÖGP-Expert*innengruppe _Pneumologische Onkologie,_ erklärt: „Rund 80 bis 90 Prozent aller Lungenkrebserkrankungen stehen weiterhin mit dem Tabakkonsum in Zusammenhang. Dennoch fällt seit einigen Jahren auf, dass vergleichsweise viele Frauen an Lungenkrebs erkranken, obwohl sie nie oder nur wenig geraucht haben. Besonders häufig handelt es sich dabei um das Adenokarzinom, den heute häufigsten Typ des Lungenkrebses.“
Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Passivrauchen erhöht nachweislich das Erkrankungsrisiko. Hinzu kommen Luftverschmutzung sowie die Belastung durch Rauch aus Holz-, Kohle- oder Biomassefeuern in Innenräumen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit insbesondere Frauen in Ländern mit traditionellen Kochstellen über viele Jahre erheblichen Konzentrationen gesundheitsschädlicher Feinstäube und krebserregender Stoffe ausgesetzt.
Auch Dämpfe, die beim starken Erhitzen von Speiseölen entstehen, werden als möglicher Risikofaktor diskutiert. Diese Belastungen betreffen Frauen aufgrund traditioneller Rollenverteilungen in vielen Regionen der Welt häufiger als Männer.
BIOLOGISCHE UNTERSCHIEDE SPIELEN EBENFALLS EINE ROLLE
Neben Umwelt- und Lebensstilfaktoren rückt zunehmend die Biologie in den Mittelpunkt der Forschung. Zahlreiche Studien zeigen, dass sich Lungenkrebs bei Frauen molekular teilweise anders entwickelt als bei Männern.
HOCHMAIR, Oberarzt und Leiter der pneumoonkologischen Tagesambulanz/Tagesklinik an der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie der Klinik Floridsdorf, der auch am Karl Landsteiner Institut für Lungenforschung und pneumologische Onkologie forschend tätig ist, erklärt: „Frauen weisen häufiger sogenannte EGFR-Mutationen auf. Diese genetischen Veränderungen fördern das Wachstum bestimmter Tumoren, eröffnen aber gleichzeitig die Möglichkeit einer gezielten Behandlung mit modernen Tyrosinkinasehemmern. Gerade deshalb ist eine umfassende molekulare Diagnostik heute unverzichtbarer Bestandteil der Therapieentscheidung.“
Auch Unterschiede im Immunsystem, im Stoffwechsel von Medikamenten sowie in der Regulation zahlreicher Gene werden zunehmend beschrieben. Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass biologische Geschlechtsunterschiede Einfluss darauf haben können, wie Tumoren entstehen und wie sie auf Behandlungen reagieren. Viele dieser Mechanismen sind allerdings noch nicht vollständig verstanden.
Deutlich vorsichtiger bewertet die Wissenschaft dagegen den Einfluss weiblicher Hormone, wie OÄ DR.IN ROMANA WASS, PHD, stellvertretende Leiterin der ÖGP-Expert*innengruppe _Pneumologische Onkologie, _weiß: „Zwar besitzen viele Lungentumoren Östrogenrezeptoren, und experimentelle Studien sprechen für einen möglichen Einfluss von Östrogen auf das Tumorwachstum. Ob hormonelle Verhütungsmittel oder Hormonersatztherapien das Erkrankungsrisiko tatsächlich verändern, ist bislang jedoch nicht eindeutig belegt. Die bisherigen Studien liefern widersprüchliche Ergebnisse.“
WENN SYMPTOME NICHT ERNST GENOMMEN WERDEN
Zu den größten Problemen gehört die oftmals verzögerte Diagnose. Lungenkrebs verursacht gerade in frühen Stadien häufig keine oder nur unspezifische Beschwerden wie anhaltenden Husten, Atemnot, Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Gewichtsverlust. Diese Symptome werden insbesondere bei jüngeren Frauen selten gleich mit einer Lungenerkrankung in Verbindung gebracht.
WASS, Oberärztin an der Universitätsklinik für Innere Medizin 4 mit Pneumologie am Kepler Universitätsklinikum in Linz, Tumorboard/Tumorambulanz, stellt klar: „Mehrere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Frauen später diagnostiziert werden als Männer und häufiger mehrere Arztkontakte benötigen, bevor die richtige Diagnose gestellt wird. Gründe hierfür sind unter anderem das weiterhin verbreitete Bild des ‚typischen Lungenkrebspatienten‘ als älterer männlicher Raucher sowie die geringere Wahrscheinlichkeit, bei Nichtraucherinnen frühzeitig an Lungenkrebs zu denken.“
FRAUEN SIND IN KLINISCHEN STUDIEN WEITERHIN UNTERREPRÄSENTIERT
Ein weiteres Problem betrifft die klinische Forschung. Frauen waren über viele Jahre in Studien zu Lungenkrebs seltener vertreten als Männer. Dadurch beruhen viele Erkenntnisse zu Dosierungen, Nebenwirkungen oder Therapieeffekten überwiegend auf männlichen Patientenkollektiven.
HOCHMAIR: „Heute weiß man, dass Frauen unter bestimmten Krebstherapien häufiger Nebenwirkungen entwickeln können. Dies betrifft unter anderem Übelkeit, neurologische Beschwerden und einige immunvermittelte Nebenwirkungen. Ob daraus künftig geschlechtsspezifische Dosierungsempfehlungen entstehen sollten, wird derzeit intensiv untersucht. Gesicherte Empfehlungen existieren bislang jedoch nur in Einzelfällen.“
Auch das Ansprechen auf Immuntherapien scheint sich teilweise zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden. Dabei dürfte allerdings weniger das Geschlecht selbst als vielmehr die unterschiedliche Häufigkeit bestimmter Tumormutationen – etwa im EGFR-Gen – eine wichtige Rolle spielen.
GESCHLECHTSSENSIBLE MEDIZIN BEDEUTET BESSERE MEDIZIN FÜR ALLE
„Aus den bisherigen Erkenntnissen ergibt sich keine eigene Form des ‚Frauen-Lungenkrebses‘. Vielmehr wird deutlich, dass biologische und gesellschaftliche Geschlechtsunterschiede bei Prävention, Diagnostik und Behandlung stärker berücksichtigt werden müssen“, so WASS.
Dazu gehört,
* Lungenkrebs auch bei Nichtraucherinnen frühzeitig in Betracht zu ziehen,
* Frauen konsequent in klinische Studien einzubeziehen,
* molekulare Tumoranalysen bei allen geeigneten Patientinnen und Patienten durchzuführen,
* Umwelt- und Passivrauchbelastungen stärker zu berücksichtigen
* sowie künftige Screeningprogramme besser an individuelle Risikoprofile anzupassen.
FAZIT
„Lungenkrebs ist längst keine Erkrankung, die ausschließlich ältere männliche Raucher betrifft. Frauen erkranken häufig unter anderen Voraussetzungen, zeigen teilweise andere Tumoreigenschaften und stehen vor besonderen Herausforderungen bei Diagnose und Behandlung“, betont HOCHMAIR abschließend.
Und WASS fasst zusammen: „Die Forschung der vergangenen Jahre hat wichtige Unterschiede zwischen den Geschlechtern sichtbar gemacht. Gleichzeitig wird deutlich, dass viele Fragen noch offen sind. Eine geschlechtssensible Medizin bedeutet deshalb nicht, Frauen und Männer grundsätzlich unterschiedlich zu behandeln. Sie bedeutet vielmehr, biologische Unterschiede wissenschaftlich zu berücksichtigen und allen Patientinnen und Patienten die bestmögliche, individuell angepasste Versorgung zu ermöglichen. Gerade bei Lungenkrebs könnte dieses Umdenken künftig entscheidend dazu beitragen, Erkrankungen früher zu erkennen und die Heilungschancen zu verbessern.“
_Die Presseaussendung mit den Literaturhinweisen finden Sie __hier_.
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