Elisabeth Reichart erhält Veza-Canetti-Preis 2020

Elisabeth Reichart erhält Veza-Canetti-Preis 2020

Der Preis der Stadt Wien ist mit 10.000 Euro dotiert.

Wien (OTS) – Seit ihrem vielbeachteten Roman-Debüt „Februarschatten“ (1984) über die sogenannte „Mühlviertler Hasenjagd“ übt Elisabeth Reichart in ihrem an vielfältigen Erzählformen reichen Werk immanente Kritik an gesellschaftlichen Gewaltstrukturen, die sie nicht zuletzt in interfamiliären Repressionen und gewaltgeprägten Geschlechterbeziehungen sichtbar macht.

Dabei sind ihre literarischen Transformationen akribisch recherchierter Quellen gleichermaßen durchdrungen von historischem wie von gesellschaftspolitischem Bewusstsein. Sie reichen thematisch von den Verheerungen des NS-Regimes bis zu den Zerstörungen durch den globalisierten Kapitalismus unserer Gegenwart, die in ihrer selbstreflexiven Sprache sichtbar werden. Souverän und dennoch an die Grenzen des Sagbaren tastend, vollzieht Reichart eine stete Suchbewegung zwischen der Innen- und Außenwelt ihrer Figuren, um das oft seit Generationen Verschüttete und Verschwiegene erkennbar zu machen. Sie verweist dabei stets auch auf das eigene Involviert-Sein in zerstörerische Verhältnisse. Aus diesem innerliterarischen Bewusstsein entsteht eine Sprachkraft, die auf das Allgemeine gesellschaftlicher Bedingtheit als eine von Menschen gemachte verweist und dabei an die Notwendigkeit zu widerständiger Selbstermächtigung gemahnt.

Elisabeth Reichart wurde 1953 in Steyregg/OÖ geboren. Sie studierte Geschichte und Germanistik an den Universitäten Salzburg und Wien und promovierte 1983 als Historikerin mit einer Arbeit über den Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft im Salzkammergut. Seit 1982 lebt sie als freie Schriftstellerin in Wien. 1992 leitete sie das neu gegründete AutorInnenlabor im Kunstverein „Alte Schmiede“. 1994 war sie Writer in residence am Allegheny College in Meadville, Pennsylvania, 1995 und 2007 an der Bowling Green State University, 2002 am Dickinson College in Carlisle, Pennsylvania und 2005 Grinnell College, Iowa. Als Gastprofessorin lehrte Elisabeth Reichart 1999 und 2004 an der Universität Nagoya in Japan.

Die Autorin schreibt Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Kinderbücher. Ein wichtiges Thema ihrer Werke ist das Fortwirken der nationalsozialistischen Vergangenheit. Reichart schreibt auch dezidiert feministische Texte.

1983 legte sie ihren ersten Roman vor: „Heute ist morgen“, es folgten u.a. „Februarschatten“ (1984), „La Valse“ (1992), „Fotze“ (1993), „Sakkorausch“ (1994), „Lauras Plan“ (2004), „Die unsichtbare Fotografin“ (2008), „Die Voest-Kinder“ (2011).

Elisabeth Reichart erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Rauriser Förderungspreis (1982), den Theodor-Körner-Preis (1985), den Literaturförderungspreis der Stadt Wien (1989), den Österreichischen Förderpreis für Literatur (1993), ein Elias-Canetti-Stipendium (1995–1996); 1997 las sie im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis. 1997 wurde sie mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur geehrt, 2000 mit dem Literaturpreis der Salzburger Wirtschaft, im gleichen Jahr mit dem Anton-Wildgans-Preis. 1999 erhielt sie den Landeskulturpreis Oberösterreich sowie 2015 den Preis der Stadt Wien für Literatur.

Der Veza-Canetti-Preis der Stadt Wien wird seit 2014 verliehen und würdigt das Lebenswerk gegenwärtiger Autorinnen. Der Preis ist nach der Wiener Schriftstellerin Veza Canetti (1897–1963) benannt, da sie eine Vielzahl literarisch wirkender Frauen repräsentiert, die in der literaturwissenschaftlichen Kanonbildung vernachlässigt sind.

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