Signal gegen weibliche Genitalverstümmelung
Signal gegen weibliche Genitalverstümmelung
Im Vorfeld zu einer Fachkonferenz sprachen BM Claudia Bauer, ÖÄK-VP Harald Schlögel und Hilde Wolf von der FGM/C Koordinationsstelle über die Folgen der Genitalverstümmelung.
Unter FGM/C, Female Genital Mutilation/Cutting, versteht man „die teilweise oder totale Entfernung oder sonstige Verletzung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane aus nicht medizinischen Gründen.“ (WHO, 2008) Bei der weiblichen Beschneidung (FGM/C) werden die äußeren Geschlechtsorgane eines Mädchens, Vorhaut, die Klitorisspitze sowie die inneren und äußeren Vulvalippen, zum Teil oder ganz weggeschnitten. „Genitalverstümmelung ist keine harmlose Tradition oder Brauchtum in gewissen Ländern und Religionen, sondern pure körperliche Gewalt an kleinen Mädchen und an Frauen, die ein Leben lang massive psychische und gesundheitliche Folgen hat. Genitalverstümmelung ist eine Form von ehrkultureller Gewalt, die Mädchen und Frauen mitten unter uns betrifft“, hielt Familien- und Integrationsministerin Claudia Bauer anlässlich der ersten DACH-FGM-Konferenz in Wien fest.
ÄRZTINNEN UND ÄRZTE ALS WICHTIGE VERTRAUENSPERSONEN
„Ich bin entsetzt und sprachlos, was Mädchen und Frauen ohne medizinische Indikation angetan wird“, sagte Harald Schlögel, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer. Die weibliche Genitalverstümmelung mache betroffen und beschäftige auf vielen Ebenen: rechtlich, kulturell und medizinisch. „Jedes einzelne Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung ist eines zu viel“, sagte Schlögel. Damit verbunden seien viele gesundheitliche Probleme und medizinische Langzeitfolgen, die besondere Hilfe benötigten. Medizinische Folgen einer Genitalverstümmelung seien unter anderem urogenitale Beschwerden, etwa häufige Blasenentzündungen, sexuelle Störungen und mentale Probleme bis hin zu schwerwiegenden Geburtsverletzungen. Daher sei es wichtig, Bewusstsein zu schaffen: „Ärztinnen und Ärzte, insbesondere aus den Bereichen Allgemeinmedizin, Gynäkologie und Kinder- und Jugendheilkunde, haben eine Schlüsselrolle im Erkennen, in der Aufklärung und in der Prävention“, betonte Schlögel: „Wir Ärztinnen und Ärzte sind verpflichtet, Anzeige zu erstatten, wenn wir im Rahmen unserer beruflichen Tätigkeit von der schweren Körperverletzung erfahren.“
Bei diesem hoch sensiblen spiele nicht nur das Vertrauensverhältnis zu den Patientinnen, sondern auch Zeit für ein persönliches und ausführliches Gespräch eine große Rolle. „Ich bin froh, dass trotz dieses unfassbaren Leids, das Mädchen und Frauen angetan wird, das durch nichts gerechtfertigt werden kann, Anlaufstellen etabliert wurden“, sagte Schlögel. Denn Möglichkeiten zur Unterstützung und medizinischer Hilfe gebe es in Österreich einige. Im Zweifelsfall, so Schlögel, könne sich jeder Arzt – möglicherweise zusätzlich zu anderen Maßnahmen – an eine Fachberatungsstelle oder das Infotelefon (+43 1 267 7 267) der FGM/C Koordinationsstelle zu wenden. Wer Fragen oder Unsicherheiten zur Meldepflicht habe, könne zudem im Vorfeld die Kinder- und Jugendhilfe für einen anonymen Austausch über die Notwendigkeit einer Meldung sowie weitere Handlungsoptionen kontaktieren: „Ich möchte hier dazu ermutigen, diese Unterstützungen auch zu nutzen“, sagt Schlögel.
ANSTIEG VON FGM/C WELTWEIT
Global sind 230 Millionen Mädchen und Frauen von dieser Form geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen, die Schätzungen der UNICEF gehen von einem Anstieg um 15 Prozent in den vergangenen zehn Jahren aus (seit 2016). Dem europäischen Netzwerk End FGM zufolge leben in Europa mehr als 600.000 von FGM/C betroffene Mädchen und Frauen und weitere 190.000 Mädchen sind potenziell gefährdet. FGM/C wird meist im Alter zwischen sechs und 13 Jahren durchgeführt, in manchen Regionen passiert FGM/C sogar schon im Säuglingsalter. Eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Wien (Jirovsky-Platter et al., 2024) zeigt, dass FGM/C auch in Österreich nach wie vor aktuell ist: so leben rund 11.000 potenziell betroffene Mädchen und Frauen sowie schätzungsweise zwischen 1.704 und 3.023 potenziell gefährdete Mädchen. Diese Daten unterstreichen die Notwendigkeit, Prävention, Früherkennung und Versorgung weiter zu stärken.
VORREITERROLLE WIENS
Das Frauengesundheitszentrum FEM Süd hat das Thema FGM/C in Wien früh aufgegriffen und über viele Jahre mit Beratung, Aufklärung und Vernetzung maßgeblich zur Entwicklung einer tragfähigen Versorgungsstruktur beigetragen. Das Engagement von Beate Wimmer-Puchinger war dabei entscheidend, sie hat in ihrer Funktion als Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien den Grundstein gelegt und mit dem Wiener FGM-Beirat – unter Einbindung von Gesundheitsversorgung, Kinder- und Jugendhilfe und weiterer Akteurinnen und Akteuren – ein Kompetenznetzwerk gegründet, das bis heute weit über Wien hinaus Wirkung entfaltet.
FGM/C KOORDINATIONSSTELLE ALS DREHSCHEIBE IN ÖSTERREICH
Die österreichweite FGM/C Koordinationsstelle ist in dieser Form einzigartig in Europa. Unter der Leitung von FEM Süd bieten das Österreichische Rote Kreuz, die Frauengesundheitszentren in Linz und Salzburg sowie das Männergesundheitszentrum MEN Information, Beratung, fachliche Vernetzung und Unterstützung für Betroffene und Fachkräfte. Seit 2022 haben über 1000 Frauen (und auch Männer) eine Beratung in Anspruch genommen, etwa 3000 Angehörige von Gesundheitsberufen wurden geschult – ein Handlungsleitfaden wurde 2026 veröffentlicht. Diese Anlaufstelle schafft somit eine wichtige Schnittstelle zwischen Medizin, psychosozialer Versorgung und Prävention, ein Info-Telefon steht Betroffenen wie Fachkräften von Montag bis Freitag zur Verfügung.
Aus Sicht von Familien- und Integrationsministerin Claudia Bauer brauche es drei Dinge: „Klare gesetzliche Regelungen, gute Präventions- und Bewusstseinsarbeit und kompetente Anlauf- und Beratungsstellen. Entscheidend ist, dass rechtzeitig erkannt wird, wenn Mädchen gefährdet sind, dass betroffene Frauen Unterstützung bekommen und dass Ärztinnen und Ärzte, Hebammen, Pflegekräfte, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Behörden wissen, wie sie handeln müssen.“ Daher wurde auch ein Handlungsleitfaden für Fachkräfte, Behörden und Institutionen erarbeitet und in einem nächsten Schritt die Informations- und Dokumentationspflicht für Ärztinnen und Ärzte im Eltern-Kind-Pass festgeschrieben.
WHO-LEITLINIE 2025
Auch international steht das Thema weiterhin im Fokus. Die WHO hat jüngst eine Leitlinie (World Health Organization, 2025) veröffentlicht, die sowohl die Prävention von FGM/C als auch die klinische Versorgung von Betroffenen in den Mittelpunkt stellt. Die Leitlinie betont unter anderem die Rolle des Gesundheitswesens, die Bedeutung klarer berufsethischer Standards und die Notwendigkeit einer traumasensiblen psychosozialen Versorgung. „WHOs recent guidelines on female genital mutilation explain how health workers can play a critical role in preventing harmful practices, such as female genital mutilation, and in providing survivor-centered care for women and girls who are already affected”, betont Christina Pallitto, Wissenschaftlerin bei der WHO, die die Entwicklung der neuen Leitlinie geleitet hat.
BLICK AUF PRÄVENTION
„Die Prävention von FGM/C braucht Aufklärung, klare gesetzliche Rahmenbedingungen und Kompetenz in den Gesundheitsberufen, allen voran bei Kinder- und Jugendärzten, Frauenärzten, Hebammen und Pflegekräften – hier muss bei der Aus- und Fortbildung angesetzt werden“, sagt Beate Wimmer-Puchinger. In Österreich komme dabei dem Nationalen Aktionsplanung gegen Gewalt an Frauen und Mädchen besondere Bedeutung zu: „Wir begrüßen die geplante Dokumentation von FGM/C im Eltern-Kind-Pass – die sensibel gehandhabt werden muss – unter Einbindung von begleitenden Präventionsmaßnahmen und die darin vorgesehene dauerhafte Absicherung der Koordinationsstelle“, so Hilde Wolf und Umyma Eljelede vom Leitungsteam der FGM/C Koordinationsstelle.
Österreichische Ärztekammer/Öffentlichkeitsarbeit
Mag. Sophie Niedenzu, MSc
Telefon: 01/51406-3316
E-Mail: s.niedenzu@aerztekammer.at
Website: https://www.aerztekammer.at
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