High Protein: Trend mit zwei Gesichtern
High Protein: Trend mit zwei Gesichtern
ernährung heute: Nicht mehr, sondern hochwertiges Protein ist wichtig. Langfristig braucht es Wende für Gesundheit und Nachhaltigkeit durch stärkeren Konsum pflanzlicher Proteine.
PROTEIN IST DERZEIT DER MAKRONÄHRSTOFF DER STUNDE. VOM PROTEINPUDDING ÜBER EIWEISSRIEGEL BIS ZUM HIGH-PROTEIN-BROT WERBEN ZAHLREICHE PRODUKTE MIT MEHR SÄTTIGUNG, MUSKELAUFBAU UND GESUNDEM ALTERN. SOCIAL MEDIA, LONGEVITY-TRENDS UND DIE WACHSENDE AUFMERKSAMKEIT FÜR MUSKELGESUNDHEIT IM ALTER HABEN EIWEISS IN DEN MITTELPUNKT DER ERNÄHRUNGSDEBATTE GERÜCKT. DOCH DER AKTUELLE HYPE HAT ZWEI SEITEN, WIE DIE AKTUELLE AUSGABE DES MAGAZINS _ERNÄHRUNG HEUTE_ ZEIGT: VIELE KONSUMENTEN GREIFEN ZU MEHR TIERISCHEN PROTEINPRODUKTEN, ES BRAUCHT AUS GESUNDHEITLICHER UND ÖKOLOGISCHER SICHT ABER VOR ALLEM EINE STÄRKERE NUTZUNG PFLANZLICHER QUELLEN. DAS FORUM. ERNÄHRUNG HEUTE (F.EH) PLÄDIERT DAHER FÜR EINE DIFFERENZIERTE EINORDNUNG: „PROTEIN IST ZWEIFELLOS EIN ZENTRALER NÄHRSTOFF. DOCH DIE AKTUELLE BEGEISTERUNG DARF NICHT DAZU FÜHREN, DASS ERNÄHRUNG AUF EINEN EINZELNEN MAKRONÄHRSTOFF REDUZIERT WIRD. ENTSCHEIDEND SIND EINE BEDARFSGERECHTE VERSORGUNG, EINE HOHE PROTEINQUALITÄT UND EINE ZUKUNFTSFÄHIGE AUSWAHL DER EIWEISSQUELLEN. DAS ERMÖGLICHT GESUNDHEIT, GENUSS UND NACHHALTIGKEIT GLEICHERMASSEN“, BETONT MARLIES GRUBER, GESCHÄFTSFÜHRERIN DES FORUM. ERNÄHRUNG HEUTE (F.EH).
Proteine sind in viele Körperfunktionen eingebunden und erfüllen zahlreiche Aufgaben, die weit über den Muskelaufbau hinausgehen: Sie sind Bausteine von Zellen, Geweben, Organen, Enzymen, Hormonen sowie Antikörpern und tragen zum Erhalt von Muskeln, Knochen, Haut, Haaren und Nägeln bei. Gerade im Alter gewinnt diese Funktion an Bedeutung: Die Muskelmasse nimmt ab, wodurch das Risiko für Stürze, eingeschränkte Mobilität und den Verlust von Selbständigkeit steigt. Ausreichend Eiweiß in Kombination mit Krafttraining kann diesen Prozess verlangsamen.
BEDARF KENNEN UND BERÜCKSICHTIGEN
Auch der zunehmende Einsatz von GLP-1-Medikamenten zur Gewichtsreduktion stärkt die Aufmerksamkeit für Protein. Wer unter solchen Therapien kleinere Portionen isst, muss besonders darauf achten, ausreichend Eiweiß und andere Nährstoffe aufzunehmen. Für gesunde Erwachsene zwischen 19 und 65 Jahren liegt der Referenzwert bei 0,8 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag. Eine Person mit 60 kg benötigt damit rund 48 g Protein täglich, bei 80 kg rund 64 g. Diese Mengen lassen sich gut über eine abwechslungsreiche Ernährung mit Milchprodukten, Eiern, Fisch, Fleisch, Hülsenfrüchten, Getreideprodukten, Nüssen oder Samen decken. So sind in 100 g Schweine- oder Rindfleisch bereits ca. 28 g enthalten, bei Ei 14 g, bei Topfen 11 g.
Ein erhöhter Bedarf besteht in bestimmten Lebensphasen und Situationen: Dazu zählen Schwangerschaft und Stillzeit, während derer 0,9 bis 1,2 g/kg KG benötigt werden. Für Menschen ab 65 Jahren wird ein Schätzwert von 1,0 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag angegeben. Sportlich Aktive benötigen erst bei regelmäßigem Training von mehr als fünf Stunden pro Woche mehr Protein, je nach Trainingsziel und Belastung etwa 1,2 bis 2,0 g. „Viele Menschen überschätzen ihren zusätzlichen Proteinbedarf. Wer sich ausgewogen ernährt und moderat sportlich aktiv ist, braucht meist keine speziellen Proteinprodukte“, erklärt Marlies Gruber.
QUALITÄT VOR QUANTITÄT
Dennoch findet der Trend zum Konsum von „High Protein“-Produkten bzw. einer eiweißreichen Ernährung viel Zuspruch. Als High Protein darf ein Lebensmittel in der Europäischen Union bezeichnet werden, wenn mindestens 20 % seines Energiegehalts aus Protein stammen. Die Angabe „Proteinquelle“ ist bereits ab 12 % des Energiegehalts zulässig. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein Produkt ernährungsphysiologisch notwendig oder sinnvoll ist. Entscheidend bleibt der Blick auf die gesamte Ernährung und die Nährwerttabelle.
Neben der Menge ist aber vor allem die Qualität des Proteins wesentlich. Der Körper benötigt 20 Aminosäuren, um körpereigene Proteine aufzubauen. Neun davon sind unentbehrlich und müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Ob ein Nahrungsprotein gut verwertet werden kann, hängt davon ab, ob diese unentbehrlichen Aminosäuren in ausreichender Menge vorhanden sind. Fehlt eine davon oder ist sie nur in geringer Menge enthalten, begrenzt sie den Aufbau körpereigener Proteine. Dieses Prinzip lässt sich mit einem Fass veranschaulichen: Die kürzeste Daube bestimmt, wie viel Wasser in das Fass passt. Genauso bestimmt die knappste unentbehrliche Aminosäure, wie gut ein Protein für den Körper nutzbar ist. Alle anderen Aminosäuren können in diesem Moment nicht vollständig für den Proteinaufbau verwendet werden und werden abgebaut. Bei Getreide ist häufig Lysin die limitierende Aminosäure, bei Hülsenfrüchten Methionin. Kombiniert man beide Lebensmittelgruppen, gleichen sie sich ideal aus.
VOM PROTEINHYPE ZUR PROTEINWENDE
Zudem birgt der Trend einen negativen Beigeschmack: Er befeuert auch den Konsum tierischer Lebensmittel. Viele High-Protein-Produkte basieren auf Milch, Molke, Fleisch oder Ei. Damit verstärkt der Hype eine Ernährungsweise, die aus ökologischer Sicht unter Druck steht. Genau hier setzt die sogenannte Proteinwende an. Sie beschreibt den strukturellen Wandel der Eiweißversorgung von der Wahl der Futtermittel über die Tierhaltung bis hin zur stärkeren Nutzung pflanzlicher Proteinquellen. Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen, Linsen, Lupinen und Soja gelten dabei als zentrale Bausteine eines nachhaltigeren Ernährungssystems. Sie liefern Eiweiß, Ballaststoffe und weitere wertvolle Nährstoffe, fördern die Vielfalt am Teller und können auch landwirtschaftlich zur Biodiversität und Bodenqualität beitragen, so Marlies Gruber: „Die Proteinwende bedeutet, pflanzliche Proteinquellen stärker zu nutzen, klug zu kombinieren und die Eiweißversorgung insgesamt breiter aufzustellen. Genau darin liegt eine große Chance für Gesundheit, Landwirtschaft und Nachhaltigkeit.“
WEITERE THEMEN IM HEFT
Den Proteinbedarf von Mensch und Tier möglichst nachhaltig zu decken, ist ein großer Treiber für Innovation. Über vielversprechende Konzepte hat Chefredakteurin Elisabeth Sperr mit Georg Sladek vom Agro Innovation Lab gesprochen. Eva Derndorfer beleuchtet zudem mit Tofu, Tempeh und Natto drei traditionsreiche Produkte.
Im Bereich der Lebensmitteltechnologie bespricht _ernährung heute _mit dem Lebensmitteltechnologen Gernot Zweytick Nebenströme in der Herstellung und ihre Potenziale. Der Universitätsprofessor für Lebensmitteltechnologie, Henry Jäger, erklärt die Extrusion als zentrales Werkzeug der modernen Lebensmittelproduktion.
Krisen bestimmen unsere Gegenwart und führen uns vor Augen, wie vulnerabel wir sind. Daher stellt sich die Frage nach der Ernährungssicherheit, meint Michael Blass in der Kolumne „Spitze Feder“.
Rückfragehinweis
forum. ernährung heute (f.eh)
Dr. Marlies Gruber
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