Caritas: Fachkräftemangel stoppen durch gesetzliche Anerkennung der Sozialbetreuung

Caritas: Fachkräftemangel stoppen durch gesetzliche Anerkennung der Sozialbetreuung

Politik greift zu kurz: Versorgung braucht auch Betreuung, nicht nur Pflege. Umfrage unter Auszubildenden zeigt großes Potenzial. Caritas präsentiert notwendige Reformschritte.

Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl der Menschen, die in Österreich Pflegegeld beziehen, auf rund 750.000 steigen, während in den kommenden Jahren bis zu 70.000 Fachkräfte fehlen werden. Die Caritas warnt davor, diese Herausforderung rein medizinisch einzuordnen. _„Wer nur nach Pflegepersonal sucht, verkennt die Lebensrealität der Menschen. Ein Großteil der Menschen – vor allem im Alltag, in Familien oder bei Demenz-Erkrankung – braucht Betreuung und keine medizinische Pflege“,_ betont Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler.

_„Wenn wir über das Älterwerden sprechen, reden wir meistens über Pflegegeldstufen und Krankheiten. Das greift jedoch viel zu kurz“,_ so Tödtling-Musenbichler weiter. _„Alter ist nicht die Summe von Defiziten. Es geht um Fähigkeiten, Talente und Lebensqualität. Ein Spaziergang im Wald, Besuche im Museum oder das Zusammenleben mit Demenz: Das ist kein Luxus, sondern die Grundlage für ein würdevolles Leben. Für Jung UND Alt.“_

Gerade im Langzeitsetting geht es darum, die Selbstständigkeit der Menschen so lange wie möglich zu erhalten. Die Altenarbeit als Teil der Sozialbetreuung schenkt Zeit und Kompetenzen für diese Beziehungsarbeit: Ein Mensch mit Demenz braucht in den ersten Jahren meist keine Spritzen oder Behandlungspläne, sondern Orientierung, Halt und verlässliche Begleitung. Das schafft Lebensqualität für die Betroffenen und entlastet gleichzeitig das System spürbar. Dennoch ignorieren Gesetzgeber und Bundesländer diese Realität und diskriminieren Fachkräfte der Sozialbetreuung in ihren Personalschlüsseln und Tarifsystemen.

CARITAS-UMFRAGE: 90 PROZENT WOLLEN IM BERUF BLEIBEN

Eine aktuelle Caritas-Befragung unter 575 Auszubildenden an ihren Schulen für Berufsausbildung im Bereich Sozialbetreuung bzw Pflege zeigt, wie groß die Motivation der angehenden Fachkräfte ist und wo sie im Alltag blockiert wird.

DIE ERGEBNISSE SPRECHEN EINE KLARE SPRACHE:

* HOHE BERUFSBINDUNG: 89,4 % der Befragten wollen langfristig im Beruf bleiben.
* SINNSTIFTENDE MOTIVATION: Die Hauptgründe für die Ausbildung sind die Freude an der Arbeit mit Menschen (26 %), eigene Vorerfahrungen (16 %) und der Wunsch, einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten (ebenfalls 16 %).
* DRINGENDER REFORMBEDARF: Auf die Frage, was sich ändern müsse, nannten 24 % mehr Personal, 21 % echte gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung sowie 20 % bessere Arbeitsbedingungen und verlässlichere Dienstpläne als wichtigste Punkte.

Wie groß die Motivation, aber auch die Unsicherheit ist, bringt der Auszubildende Bernhard Novak in der Caritas-Befragung auf den Punkt: _„Ich bekomme in meiner Arbeit so viel von den Menschen zurück. Wenn ich jemanden durch den Tag begleite und sehe, wie viel Lebensqualität das bringt, macht mich das sehr zufrieden. Das Praktikum ist dann die eigentliche Feuerprobe. Hier spüre ich, ob ich dem Beruf gewachsen bin. Die Teams auf den Stationen stehen unter großem Druck: Sie sollen uns anleiten, müssen das aber komplett zusätzlich in ihrem Arbeitsalltag unterbringen. Ohne extra Zeitfenster dafür ist das für alle eine enorme Belastung. Diese Erfahrung ist nicht sehr motivierend.“_

_„Die Menschen wollen in der Sozialbetreuung arbeiten und für andere da sein. Unsere Absolvent*innen bringen mit der in die Ausbildung integrierten Pflegeassistenz sogar eine Doppelqualifikation mit“_, erklärt Ernst Sandriesser, Direktor der Caritas Kärnten und Vertreter der Caritas-Schulträgerin. _„Als Träger von 51 Senioren- und Pflegeeinrichtungen und als großer Schulträgerin mit 20 Schulstandorten und 4.400 Auszubildenden in ganz Österreich kennen wir die Praxis aus erster Hand, wir haben hier sozusagen einen 360-Grad-Blick und wissen, wo der Schuh drückt. Wir könnten morgen mehr Klassen eröffnen und damit dem Fachkräftemangel noch stärker entgegenwirken. Doch uns fehlen die Praktikumsplätze und die nötige finanzielle Unterstützung für die Schulinfrastruktur. Wenn Praxisanleitung nicht finanziert wird und wir als Schulträgerin auf Kosten für Gebäude und Ausstattung sitzen bleiben, lassen wir riesiges Potenzial ungenutzt.“_

VIER REFORMFORDERUNGEN AN DIE POLITIK

Um die Lücke in der Versorgung zu schließen und angehende Fachkräfte im System zu halten, richtet die Caritas vier konkrete Forderungen an die Politik:

* ALTENARBEIT GESETZLICH ANRECHNEN: Bundesländer müssen ihre Personalschlüssel und Tarife anpassen, damit Pflege UND Sozialbetreuung bzw konkret Altenarbeit Hand in Hand zusammenarbeiten können.
* AUSBILDUNGSFINANZIERUNG ABSICHERN: Umsteiger*innen brauchen verlässliche finanzielle Unterstützung für die gesamte Ausbildungszeit statt jährlicher Unsicherheit.
* PRAKTIKUMSPLÄTZE AUSBAUEN UND FINANZIEREN: 50 % der Ausbildung finden in der Praxis statt und erfordern Anleitung. Davon hängt der Erfolg dieser Ausbildung ab. Daher muss die Praxisanleitung auch bezahlt werden.
* SCHULINFRASTRUKTUR UNTERSTÜTZEN: Die Caritas-Schulen bilden für alle Träger und für Landeseinrichtungen aus. Sie benötigen finanzielle Unterstützung für ihre Infrastruktur, beispielsweise für Schulgebäude, Klassenräume und digitale Ausstattung. Dadurch könnten wesentlich mehr Personen ausgebildet werden.

_„Ältere Menschen brauchen Betreuung und Pflege, um ein gelungenes Leben zu führen. Nutzen wir das große Potenzial der Sozialbetreuung, damit das System und die vielen Pflegefachkräfte nicht noch mehr überlastet werden“, _fasst Tödtling-Musenbichler zusammen.

WIR DANKEN

Die Caritas bedankt sich bei ihren Partner*innen in der Pflege und Betreuung, der Wiener Städtischen und Essity Austria Vertriebs GmbH mit der Marke TENA.

Caritas Österreich
Mag. Ursula Grabher, MAS
Telefon: +43 676 5472309
ursula.grabher@caritas-austria.at

www.caritas.at

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