Vom Lueger-Denkmal zum Mahnmal

Vom Lueger-Denkmal zum Mahnmal

Künstlerische Kontextualisierung „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ ist fertiggestellt

Wien setzt ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus. Das Denkmal für den Bürgermeister Karl Lueger wurde künstlerisch umgestaltet und kontextualisiert. Nach dem Entwurf von Klemens Wihlidal wurde es um 3,5° nach rechts geneigt. Durch die Umarbeitung wurde ein Lern- und Diskussionsort geschaffen, der Besucher*innen für Antisemitismus und politischen Populismus sensibilisieren soll.

Die Stadt stellt sich damit der Debatte um den angemessenen Umgang mit belasteten Denkmälern und vereint mit dem Projekt Erinnerungskultur und Geschichtsvermittlung: „Die kritische Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit ist unverzichtbar. Ein Wegräumen oder gar Auslöschen der Vergangenheit widerspricht unserem Verständnis von Erinnerung und verunmöglicht kritische Reflexion. Vermittlung darf nicht nur in Geschichtsbüchern und Museen stattfinden, sondern muss auch im öffentlichen Raum passieren“, so Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler.

„Gedenk- und Erinnerungskultur nehmen in der Stadt Wien einen hohen Stellenwert ein“, ergänzt die Stadträtin für Kultur und Wissenschaft. „Mit der Umgestaltung des Lueger-Denkmals zum Mahnmal gelingt es uns, die mahnende Erinnerung an dunkle Momente der Geschichte Wiens zu bewahren sowie einen Dialog aufrechtzuerhalten – jetzt und für kommende Generationen.“ Denn für ein „Niemals wieder!“ brauche es Orte des Erinnerns und der Begegnungen: „Antisemitismus ist weltweit im Steigen begriffen – eine Entwicklung, die auch vor Wien nicht Halt macht. Gerade angesichts der österreichischen Rolle als Täterland ist es alternativlos, entschieden gegen jede Form des Antisemitismus aufzutreten.“ Diese Notwendigkeit wurde auch in der Kulturstrategie 2030 sowie im aktuellen Regierungsprogramm verankert. „Mein besonderer Dank gilt allen Beteiligten, die zu diesem Projekt beigetragen haben: dem wissenschaftlichen Beirat und den Mitgliedern der Wettbewerbsjury, den Magistratischen Dienststellen der Stadt Wien, KÖR Wien, dem Bundesdenkmalamt, dem Historiker Oliver Rathkolb, den an der baulichen Ausführung beteiligten Unternehmen sowie dem Bezirksvorsteher des 1. Bezirks, Markus Figl, der das Kontextualisierungsprojekt in jeder Phase konstruktiv begleitet hat,“ bedankt sich Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler.

Cornelia Offergeld, Künstlerische Leiterin Kunst im öffentlichen Raum Wien: „Künstlerische Kontextualisierungen von Denkmälern widersprechen deren Erzählungen und den damit verbundenen Ideologien. Sie haben das unschätzbare Potenzial, Zeichen jenseits der Sprache zu finden, die universell lesbar sind. Im 20. Jahrhundert ging die Gattung des Denkmals in die Kunst im öffentlichen Raum über und stellte sich in den Dienst der Vielstimmigkeit einer Demokratie. Künstler*innen haben sich daher speziell in dieser Disziplin multiperspektivische Problemdeutung zur Aufgabe gemacht und setzen seit Langem Zeichen gegen gesellschaftliche Tendenzen wie Antisemitismus, Rassismus oder Ausgrenzung. Die künstlerische Intervention von Klemens Wihlidal fordert zu individuellen kritischen Denkprozessen auf, die bestenfalls zu kollektiven werden.“

BREIT ANGELEGTE BETEILIGUNG IM VORFELD DER KONTEXTUALISIERUNG

Das Projekt zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals in ein Mahnmal resultierte aus der in Wien breit geführten Debatte über den Umgang mit der historisch belasteten Persönlichkeit Karl Luegers.

Bereits im Jahr 2021 fand dazu im Festsaal des Rathauses ein Forum mit Expert*innen aus Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft statt. Dort wurde klar, dass die Stadt ein starkes Zeichen setzen möchte, das sich mit gesellschaftlichem Nachdenken über Geschichte, Antisemitismus und Verantwortung im Heute auseinandersetzt – in Form einer direkten Auseinandersetzung mit der Statue. 2022 wurde für die permanente Kontextualisierung ein Wettbewerb ausgeschrieben. Unter den 13 Einreichungen der zum Wettbewerb eingeladenen Künstler*innen überzeugte der Entwurf von Klemens Wihlidal eine international besetzte Jury aus Kunst, Wissenschaft, Verwaltung und Politik.

DER KÜNSTLERISCHE ENTWURF „SCHIEFLAGE (KARL LUEGER 3,5°)“

Durch den künstlerischen Eingriff am Monument „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ wird das Denkmal um 3,5 Grad nach rechts geneigt und bricht dadurch mit der unkritischen Huldigung Luegers. Mit dieser simplen künstlerischen Geste bringt Klemens Wihlidal das Denkmal optisch aus der Balance und schafft ein Bild zwischen Stehen und Fallen: Sockel und Statue verharren in einem Zustand des permanenten Falls, der dem Denkmal den Anspruch auf Monumentalität entzieht. Diese Irritation soll die öffentliche, kritische Diskussion zum Umgang mit Karl Lueger und dessen antisemitischer Rhetorik und Politik lebendig halten.

Eva Maria Stadler, Professorin, Universität für angewandte Kunst und Vorsitzende der Jury: „Ein Monument gerät in Schieflage. Der Künstler Klemens Wihlidal hat die Statue, die den umstrittenen Bürgermeister der Stadt Wien Karl Lueger (1897-1910) darstellt, um 3,5 Grad geneigt. Die grobschlächtige Bronzeplastik von Joseph Müllner aus dem Jahr 1926 bediente sich bereits zur Zeit ihrer Entstehung einer konservativen, um nicht zu sagen reaktionären Formensprache. Klemens Wihlidal bringt die Statue ins Wanken. Mit der unheimlichen, subkutan wirksamen Schieflage, bleibt die Figur ein Stachel und starkes Zeichen in der öffentlichen Wahrnehmung. Auch wenn nichts unsichtbarer ist als ein öffentliches Monument, wie es Robert Musil formuliert hat, so soll nicht das Bild, aber das stete Unbehagen vor Schlimmerem warnen.“

Künstler Klemens Wihlidal: „Die Wirkung des Denkmals hat sich durch den Eingriff grundlegend verändert, Lueger ist durch den eingeleiteten Denkmalsturz dauerhaft aus dem Lot geraten. Diese Irritation schärft die Sinne, löst (Nach)Fragen aus, wird zum öffentlich sichtbaren Zeichen – gegen Antisemitismus, gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Hetze. Die Intervention als Ausgangs- und Anknüpfungspunkt für Auseinandersetzung und Vermittlungsangebote, das war in meinen Überlegungen ein wesentliches Moment.“

Die Kontextualisierung des Denkmals umfasst neben der künstlerischen Intervention des Schiefstellens auch eine sprachliche Dimension. Für die historische Einordnung von Karl Lueger konnte erneut der Historiker Oliver Rathkolb gewonnen werden, der bereits den Text für die 2016 neben dem Denkmal errichtete Erläuterungstafel verfasst hatte. Eine Stele versammelt neben dieser geschichtlichen Neubewertung auch einen Text zu Klemens Wihlidals künstlerischer Intervention (jeweils in Deutsch und Englisch).

Oliver Rathkolb, Zeithistoriker, Professor i.R. für Neuere Geschichte, Universität Wien: „Die kritische Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit Karl Luegers macht deutlich, wie stark die Wurzeln des Nationalsozialismus und Antisemitismus mit den Prägungen im 19. Jahrhundert verbunden sind und wie seine antisemitische Demagogie als Vorgeschichte einer letztlich katastrophalen Entwicklung Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen den beiden Weltkriegen und dem nationalsozialistischen Terror zu lesen ist.“

RESTAURIERUNG

Nach Abschluss aller notwendigen Vorarbeiten, Materialüberprüfungen und Ausschreibungen wurde im Jänner 2026 mit der baulichen Umsetzung von „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ begonnen. Im Zuge der Restaurierung wurden die abgeschlagenen Teile der Skulpturen und Reliefs wiederhergestellt und Farb- und Bitumenschichten am Denkmal entfernt. Die Konstruktion, bestehend aus Sockel und Statue, unterliegt dem Denkmalschutz. Die vom Bundesdenkmalamt ohnehin vorgegebenen Instandhaltungsmaßnahmen wurden parallel zu den Baumaßnahmen vorgenommen und konnten so unter Werkstattbedingungen kostenschonend umgesetzt werden.

KOSTEN

Die Gesamtkosten des Projekts „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ belaufen sich im Zeitraum 2022 bis 2026 auf rund 776.000 Euro.

AUSBLICK UND ANGEBOTE ZUR VERMITTLUNG

Die Kontextualisierung des Lueger-Denkmals ergänzt KÖR Wien durch niederschwellige und partizipative Geschichtsvermittlung. Dazu gehörte ein Vermittlungsangebot für Schulklassen in Kooperation mit dem Jüdischen Museum sowie diverse Gesprächsformate für Universitäten und Volkshochschulen. 2023 bis 2024 wurde in Kooperation mit dem Institut für Geschichte der Universität Wien ein umfangreiches schulisches Format für „die historisch-politische Bildung“ realisiert.

Ende Juni und Anfang Juli beginnen in Kooperation mit dem Bildungsverein „Lernen in gesellschaftlichen Spannungsfeldern“ Workshops vor Ort zu Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus in Wien (www.baustelle-antisemitismus.at). Das weitere Vermittlungsprogramm ab Herbst mit einem Schwerpunkt für Schüler*innen ist derzeit in Planung, dazu werden aktuell Gespräche zu weiteren möglichen Kooperationen unter anderem mit dem Jüdischen Museum Wien geführt. Stark nachgefragt sind die regelmäßigen Führungen in Wien zu Gedenkorten der österreichischen Erinnerungskultur, die KÖR Wien kostenlos für Schulen, Universitäten und die Öffentlichkeit anbietet (www.koer.or.at/vermittlung).

BILDMATERIAL: presse.artphalanx.at, koer.or.at/presse sowie auf Anfrage

MEHR INFORMATIONEN: www.schieflage-lueger.wien

Alice Gerlach
Mediensprecherin StRin Mag.a Veronica Kaup-Hasler
+43 1 4000 811 91
alice.gerlach@wien.gv.at

Anne Katrin Feßler
Leitung Kommunikation KÖR Wien
+43 676 538 76 37
annekatrin.fessler@koer.wien

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